MANFRED HEINZE
visual arts


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On this website Manfred Heinze has posted selected texts from his book »Onomatopoesia[Ahh]«
and he will post new texts about art and everything else.

(All texts are in German language only - sorry. To translate, copy the text and paste it into www.deepl.com)

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2017-12-20

Was will uns der Maler sagen? II. (2013)

Karfreitag. Berlin. Ich bin im Studio in der Wrangelstraße. Noch bis Ostermontag. Gestern war ich im Mies van der Rohe Haus und habe eine Ausstellung zur Farbe Grau gesehen. Eine Frau aus dem Büro des Ausstellungshauses hat mich eine Stunde durch die Ausstellung mit vielleicht zwölf Bildern geführt und mir alle bis ins kleinste Detail erklärt. Ein absolut unschlagbarer Ausstellungsgenuss. Danach bin ich zum Hamburger Bahnhof gefahren und mir unter anderem die Ausstellung von Martin Honert, Kinderkreuzzug angesehen. Hier gab es am Eingang zur Ausstellung ein kleines Heftchen mit Abbildungen der Werke, den genauen technischen Angaben und einen präzisen Erläuterungstext, geschrieben in Ich-Form. Jedes Werk in der Ausstellung und in dem Heftchen, das eigentlich schon fast ein Katalog ist, hatte eine große, deutlich lesbare Nummer (01, 02, usw.).

Diese beiden Ausstellungen haben mir ganz drastisch vor Augen geführt, wie wichtig es ist, den Besucher nicht mit der Kunst alleine zu lassen. Eine umfassende Erläuterung der Werke scheint mir mittlerweile unumgänglich. Es kann ja nicht sein, das pseudointellektuelle Arroganz den interessierten Laien vom vollständigen Genuss der Werke abhält. Ausstellungen sind ja nicht nur für Profis und Kollegen oder gar als Selbstzweck für den Künstler. Und welchen Wert hat eine Ausstellung, wenn der Rezipient voller Fragen und Zweifel das Kunsthaus verlässt? Gerade diejenigen, die nicht den großen Überblick über all die Vorgänge und Intentionen des Künstlers haben, aber die auch nicht in die Symbolsprache der Kunst eingeweiht sind bedürfen der uneingeschränkten Unterstützung und Aufklärung. Genau diese Besucher sind die Multiplikatoren, die es anzusprechen gilt. Genau diese Besucher müssen auf unserer Reise mit der Kunst durchs Leben mitgenommen werden. Genau diese Besucher bedürfen unserer vollkommenen Aufmerksamkeit. Es geht nicht, dass die Hemmschwelle eine Ausstellung zu besuchen immer höher werden und wir durch falschverstandene coolness und elitären Dünkel die unmittelbarsten Bedürfnisse des Betrachters nach Erkenntnis ignorieren. Wir schaffen ja ein Werk, weil wir uns Verständnis und Anerkennung wünschen. Wie soll der Ausstellungsbesucher dahin gelangen, wenn wir die elementarsten Angaben verweigern? Die allermeisten Kunstwerke erklären sich im Gegensatz zu den Behauptungen der Künstler eben nicht von selbst. Zu diesen Angaben zählen neben den technischen immer auch die inhaltlichen. Sie sollten so präzise wir möglich sein, und, sofern der Betrachter aufgefordert ist, eigene Gedanken mit einzubringen, dann sollte er eine Hilfestellung bekommen, um seine Gedanken dazu schlüssig für ihn selbst formulieren zu können. Auch die technischen Angaben könnten noch genauer sein als sie es bislang meist sind. Durchaus von Interesse ist der Hergang der künstlerischen Arbeit. Öl auf Leinwand als Angabe reicht da nicht immer. Präzisierung wäre schön. Und die Sorge, ein Geheimnis zu verraten ist unbegründet. Längst dürften alle Techniken bekannt sein. Und selbst wenn nicht - die Zeiten von “das kann ich auch” sollten mittlerweile vorbei sein und sich die Erkenntnis durchgesetzt haben, das die künstlerische Leistung nicht mit handwerklichen Fähigkeiten zu verwechseln ist.
 
Machen wir Künstler uns also daran die Kunstinteressierten mitzunehmen auf Weg der Entdeckungen, den wir im Studio schon hinter uns haben, indem wir den Entstehungsprozess in technischer und geistiger Hinsicht erläutern und darüber hinaus Hinweise zum konnotativen Verständnis des Werkes geben.Dazu wird es nicht reichen wie gehabt winzige Zettel mit hellgrauer Schrift drei Meter neben die Bilder auf Kniehöhe auf die Wand zu kleben, auf denen Titel und Jahr notiert sind, und wenn der Kurator ganz großzügig ist, auch noch die Materialien auflistet (sofern nicht nur “Mischtechnik” zu lesen ist) und auch noch das vermeintlich offensichtliche beschreibt, nämlich die Größe des Objekts oder des Bildes. Es Bedarf einer viel größeren Anstrengung. Für den Besucher hervorragend, aber teuer für den Veranstalter, ist die oben beschriebene erläuternde Broschüre, die katalogähnlich an die Besucher abgegeben oder ausgeliehen wird. Der Aufwand sollte aber in einem gesunden Verhältnis zur Ausstellung stehen, ein paar zusammengetackerte Blätter tun es ja oftmals auch. Wenn aber die Erläuterungen direkt bei den Bildern oder Objekten angebracht sein sollen, ist natürlich sehr sensibel darauf zu achten, dass die Kunstwerke nicht gestört werden. Andererseits sollte jeder Betrachter in der Lage sein zwischen Kunstwerk und Begleittext zu unterscheiden und sich nicht in seiner konzentrierten Betrachtung davon ablenken zu lassen. Die Texte sollten halbwegs das sein was man lesbar nennt: Nicht zu klein geschrieben, in kontrastreicher Farbe (schwarz auf weiß), und vor allem in einer Höhe angebracht, die nicht gleich den Notarzt notwendig macht, der die rettende Hexenschußspritze mitbringt. Die Texte sollten einfach zu verstehen sein. Exorbitante Notationen meist anglizistischer oder gar lateinischer Termini sind nicht die ultima Ratio, sondern schlicht blöder, angeberischer Expertensprech, und fördert eher Distanz und Frust als Erkenntnis. Eine weitere Möglichkeit wäre der Einsatz von Audioguides, der zwar mittlerweile weit verbreitet ist, der aber auch aufwändig und teuer ist. Zudem wollen viele Besucher nicht mit einem Kopfhörer durch die Ausstellung gehen, zumal dann nicht wenn sie zu mehreren sind und die Audioguides die Kommunikation untereinander stören oder behindern. Bliebe noch der große Text am Eingang der Ausstellung. Hier habe zumindest ich die Erfahrung gemacht: Zu viel und meist in zu langen Zeilen, die das Lesen trotz großer Buchstaben zusätzlich erschweren wenn man am Anfang der Zeile nicht mehr weiß wo man hinten aufgehört hat.Im Moment scheint mir der am Eingang ausliegende Text, der kurz und einfach den Sachverhalt erläutert, der beste Weg zu sein, den Besucher wirklich gut durch die Ausstellung zu führen. Er wird zufrieden und gut informiert die Ausstellung verlassen. Machen wir es so - es wird nicht zu unserem Nachteil sein.

Admin - 10:00:53 @ Allgemein | Kommentar hinzufügen

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