MANFRED HEINZE
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On this website Manfred Heinze has posted selected texts from his book »Onomatopoesia[Ahh]«
and he will post new texts about art and everything else.

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2020-06-11

Über Leistung – oder: Nenn mich Sisy

Über Leistung – oder: Nenn mich Sisy
Manfred Heinze – Juli 2018

Worin besteht die Leistung eines Künstlers? Auf etwas Aufmerksam zu machen? Der Gesellschaft etwas Mitzuteilen? Dem Kollegen Anish Kapoor zufolge, „langweilen Künstler zutiefst, die glauben sie hätten etwas zu sagen. Was soll das sein?“
Mag sein, dass er Recht hat. Jedenfalls was meine Arbeit anbelangt, will ich nichts sagen, erzählen, auf nichts hinweisen. Inhalt ist mir egal. Ich visualisiere mein Konzept, sonst nichts. Selbst bei extrem mit Bedeutung aufgeladenen Werken wie »Infernal« (2018), bei dem sich locker vier bis fünf bedeutende historische Ereignisse des Ortes Rulle jeweils auf insgesamt neun Bildern versammeln, ist es mir letztlich egal, wem die Bilder etwas sagen und wem nicht. Ich jedenfalls nutzte die Ereignisse nur dazu ein Werk zu schaffen, das am Ende gut aussehen soll.

Besteht die Leistung also in etwas anderem? Ruhm? Reichtum? Welche Leistung steht hinter meinem Aufwand der künstlerischen Praxis, und für wen leiste ich etwas? Diese Fragen stellen sich auch unabhängig davon, ob ich etwas zu sagen habe oder nicht. Ich zitiere dazu einen längeren Abschnitt von Dieter Schnaas aus der Zeitschrift WirtschaftWoche (Nr. 24, 8. Juni 2008), der dort als Journalist und Buchautor vor allem Essays zu philosophischen Hintergründen von Wirtschaftsfragen schreibt: »In der Physik ist die Sache herrlich einfach: Leistung ist Arbeit pro Zeit. Benötigt Sisyphos zum Beispiel anfangs eine Stunde, um seinen Stein den Berg hinaufzurollen, so ist seine Leistung geringer, wenn er dafür im fünften Versuch zwei Stunden benötigt. Doch wäre damit wirklich schon alles gesagt über die Leistung des Sisyphos? Offenbar nicht. Ökonomisch betrachtet, zum Beispiel, leistet Sisyphos gar nichts: Seine Arbeit ist wertlos, seine Kraft verschwendet – sein Output null. Und doch können wir ihm wegen seines Strebens nicht die Anerkennung verweigern, sind wir geneigt seiner dauernden Mühe Respekt zu zollen.
Denn im sozialen Leben ist Leistung eine Zuschreibung: Wir Menschen handeln miteinander aus, was wir unter Leistung verstehen, welchen Wert wir ihr beimessen, welche Art von Leistung wir hochschätzen und honorieren. Der französische Philosoph Albert Camus hat sich Sisyphos sogar als glücklichen Menschen vorgestellt, weil er die Sinnlosigkeit seines Daseins akzeptierte und sich zum „Herrn seiner Tage“ aufschwinge – zum Souverän seines selbstbestimmten Lebens. Leistung, so gesehen, fände ihren Maßstab weder am Grad der Anstrengung noch an einem Ergebnis, weder an der Qualität eines Resultats noch an dessen Quantität, sondern an der Ernsthaftigkeit, mit der ein Mensch seine Existenz annimmt, sein Leben gestaltet, seinem Dasein einen Sinn verleiht – liberal gesprochen: an der Unschärfe dessen, was jeder Mensch für sich unter einem gelingenden Leben versteht, an einer individuellen realisierten Summe von Freiheit, Geld, Reputation, Arbeit, Zeit, Selbstgenuss, Gemein- und Familiensinn: an der persönlichen Lebensleistung.
Umso merkwürdiger, dass wir stillschweigend akzeptieren, Leistung ließe sich objektiv messen, beweiskräftig quantifizieren und allgemeingültig ausdrücken: in Lohnsummen und Preisgeldern, Zensuren und Rekordzeiten, Intelligenzquotienten und Bruttoinlandsprodukten. Zumal das Paradigma einer zur Zahl verdichteten Leistung ja auch der Legitimationsgrundlage moderner „Leistungsgesellschaften“ widerspricht. Das Bürgertum war im 18. Jahrhundert angetreten, die Reichtumsbildung von der Herkunft zu entkoppeln und abhängig zu machen von der individuellen Leistung. Seither gehört das ´meritokratische Prinzip´ zu den Grundpfeilern unserer Sozialordnung; seither schätzen wir die Tatkraft eines Menschen höher ein als dessen Status, Titel, Rang.(…)«
Da ich mein Tun selbst nur mühsam in solch weise, philosophische, volkswirtschaftliche, sozialwissenschaftliche und wohlklingende Worte hätte fassen können, mache ich mir jedes einzelne Wort dieses Abschnittes zu eigen und fühle mich in meinem Denken und Handeln verstanden und respektiert.
Meine Leistung und meine Lebensleistung liegen in der seit 1977 andauernden Bemühungen um die Kunst im Allgemeinen, um meine Kunst im Speziellen. Wie Sisyphos auch, kann ich nicht anders. War es bei Sisyphos Hermes, der ihn in die Unterwelt zwang, um dort auf ewig einen Felsblock den Berg hinauf zu wälzen, der, fast den Gipfel erreicht, jedes Mal wieder in Tal rollte, so ist es bei mir mein tief sitzendes inneres Bedürfnis, das mir als Lebensaufgabe die Sisyphosarbeit Kunst sowohl schenkt als auch ertragen lässt. Mein Felsblock ist ein Bild, dass mühsam im Studio entsteht, dort bis zu seiner Ausstellung wartet, schließlich ausgestellt wird um dort, am Gipfel, dennoch keinen Käufer findet und schließlich wieder im Studio abgestellt zu werden um auf die nächste Ausstellung zu warten. Meine ertragslose und dabei schwere Tätigkeit ohne absehbares Ende ist die Malerei, und manchmal auch die Objektkunst. Wobei „schwere Tätigkeit“ sich in meinem Fall nicht auf die körperliche Arbeit bezieht, sondern ehr die mentale schwere der Tätigkeit gemeint ist. Durch viele Umstände, die ich teils auch selbst zu vertreten habe, hatte ich nie das Glück, in den künstlerischen Olymp, um es griechisch mythologisch auszudrücken, aufzusteigen.
Oft wird die künstlerische Arbeit in direkter Verbindung zur Selbstausbeutung des Künstlers gebracht und die Frage gestellt, ob das Investment in den Kunstbetrieb in einem vernünftigen Verhältnis zum Aufwand steht. Ist der eingeschlagene Weg betriebswirtschaftlich richtig und, so fragt irgendwann das Finanzamt, gibt es eine Gewinnerzielungsabsicht. Ein Betriebsplan soll über zukünftige Gewinne Auskunft geben und bleiern schwer liegt die Frage im Raum, ob die Werke überhaupt verkaufbar sind. Eigentlich alles Fragen, die für die Kunst wesensfremd sind. Leistung bemisst sich im allgemeinen Verständnis auch an der Reputation des Künstlers. Konnte er etwas bewegen - womit wir wieder bei der Aussage von Kunstwerken wären - und wie ist die öffentliche Anerkennung? Hat er stets seine Karriere vorangetrieben? Wurde das Schaffen sinnvoll vom Internet oder anderen Medien unterstützt? Gibt es ein Feedback der Öffentlichkeit, und wo steht der Künstler heute?
Im Sinne Albert Camus Absurdismus könnte man mein Leben damit als Absurd bezeichnen, wenn man davon ausgeht, dass der Mensch eine Erklärung seines Seins und einen Sinn des Lebens sucht, beides aber niemals finden wird. Alle Bemühungen werden scheitern und sind menschlich unmöglich: also absurd. Diese Absurdität ist allerdings Wertungsfrei, mithin weder negativ noch positiv. Es ist lediglich eine Beschreibung dessen, was ist. Auf meine Arbeit bezogen könnte man dies folgendermaßen verwenden: Da meine Arbeit keinen finanziellen Erfolg hat, ökonomisch betrachtet meine Werke also keinen Wert haben, ist folglich meine künstlerische Praxis eine sinnlose Tätigkeit. Wie im Zitat von Dieter Schnaas gesehen, bezieht sich Leistung aber nicht nur auf den ökonomischen Aspekt. Demnach liegt meine Leistung in meiner Beharrlichkeit, meinem Streben und meiner Selbstdisziplin immer weiter zu arbeiten, die vermeintliche Sinnlosigkeit und Erfolglosigkeit, das Scheitern anzunehmen und trotz aller gesellschaftlichen Vorurteile gegenüber „brotloser Kunst“ ein glückliches und selbstbestimmtes Leben zu führen - ja, es ist tatsächlich ein glückliches Leben. Daher lässt sich meine Lebensleistung wie bei Sisyphos weder am Grad meiner Anstrengung noch seinem künstlerischen Ergebnis messen. Weder die Qualität der geschaffenen Werke, noch die Fülle an Werken zählt, sondern lediglich meine Ernsthaftigkeit, mit der ich meine von der Kunst bestimmte Existenz annehme, mein Leben gestalte und meinem Dasein einen Sinn verleihe. Und wer kann schon sagen, ob mein gesamtes Oeuvre posthum nicht doch noch den Leistungsgedanken der Ökonomen erfüllt es seinen Platz in der Kunstgeschichte findet – und sei es nur als Beispiel für die Besessenheit und Beharrlichkeit, mit der ich Kunst betrieben habe.
Zugegeben, etwas einfacher ist mein Leben durch die Tatsache, dass es einen ausreichenden finanziellen Hintergrund gibt, der es mir ermöglicht ökonomisch vermeintlich unsinnige Dinge zu tun. Dazu kommt eine über Jahrzehnte hin kontinuierliche Ausstellungspraxis, bei der viele tausend Menschen mein Werk betrachten konnten und meine Kataloge ihr Eigen nennen. Insofern beschränkt sich meine sisyphosgleiche Arbeit auf die ökonomischen Aspekte. So gut hätte es Sisyphos vielleicht auch gerne gehabt.

Admin - 08:25:07 @ Allgemein | Kommentar hinzufügen

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