MANFRED HEINZE
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On this website Manfred Heinze has posted selected texts from his book »Onomatopoesia[Ahh]«
and he will post new texts about art and everything else.

(All texts are in German language only - sorry. To translate, copy the text and paste it into www.deepl.com)

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2020-06-11

Ansprachen, Reden und Einführungen

Ansprachen, Reden und Einführungen

»Man darf über alles reden, nur nicht über zehn Minuten.«  (Kurt Tucholski)

„Sehr geehrte Damen und Herren, verehrte Vorstandsvorsitzende, liebe Kuratoriumsmitglieder, sehr geehrter Herr Oberbürgermeister, sehr geehrte Damen und Herren des Stadtrates, der Stadtverwaltung und des Kulturbeiratrs, liebe Mitglieder des Kunstvereins, liebe Chantalle-Yvonne“
Wenn die Eröffnungsrede einer Ausstellung derart beginnt, ist es für mich höchste Zeit das Weite zu suchen. Solche Begrüßungen, die im Grunde schon den Umfang einer kompletten Rede haben, verheißen einerseits einen Wortschwall historischen Ausmaßes, der kaum noch in Stunden sondern vielmehr nur noch in Epochen gemessen werden kann, zumindest gefühlt. Andererseits sollten Notare des Guinnessbuchs der Rekorde die Rede mitschneiden, da wohl mit einer neuen Bestleistung verbaler Art zu rechnen ist, der darin besteht mit einem Vokabular im Umfang von kaum weniger als fünftausend Wörtern einschließlich aller Fachbegriffe der Philosophie, Psychologie, Kunstgeschichte und Quantenphysik absolut NICHTS zu sagen oder zu beschreiben. Darüberhinaus ist in jedem Satz, der selbstverständlich (wie diese Schmähung die Sie gerade lesen) aus bis dato ungezählten Nebensätzen und Einfügungen besteht, derart mit Anglizismen garniert, so dass die Simultanübersetzerin im Grunde nur noch die Präpositionen ins Englische übersetzen muss. Diese unverständliche Inhaltsleere wäre in der Lage die Narkosemittelforschung zu revolutionieren. Das bisher kaum darüber berichtet wird, das Menschen höheren Alters reihenweise während der Reden auf Ausstellungseröffnungen den unbemerkt agierenden Sanitätern unter den Händen wegsterben, kann nur an einer Verschwörung der radikal-verbalen Rednerlobby liegen. Die agierenden sind in den seltensten Fällen die, die mit der ausgestellten Kunst direkt zu tun haben. In unsortierter Reihenfolge handelt es sich um: regionale Politiker, Landespolitiker, Sponsoren, Mäzene, Geistliche der örtlichen Gemeinden, Vorsitzende anderer Vereine (Schützenverein, benachbarter Kleingartenverein), Präsidenten der Universität oder der Hochschule, andere wichtige Persönlichkeiten oder in Debattierklubs der Volkshochschule ausgebildete Vorstandsmitglieder des Hausfrauenbundes. Gerne quälen auch Menschen die Geduld derer, die eigentlich nur wegen der kostenlosen Getränke und Häppchen der den Ausstellungsortes unterstützenden Wein-Boutique und Metzgers gekommen sind, die im Grunde garnicht reden können, und zu deren auf 37 DIN A 4 Seiten notieren Stichworten Stundenlange Einschübe, Erläuterungen, Anekdoten und schlechte Witze garniert werden. Kein bisher erfundenes Gerät der Zeitmessung kann die in der allgemeinen Relativitätstheorie Einsteins beschriebene Dehnung der Zeit messen. Sekunden werden zu Stunden, Minuten scheinen einem dem statistischen Lebensende rasant näher zu bringen. Der eigentlich für den folgenden Tag geplante Zahnarztbesuch muss um Jahre verschoben werden.
Unerklärlich allerdings bleibt auch die Frage, warum derartige Eröffnungsreden nicht regelmäßig in einem Blutbad apokalyptischen Ausmaßes enden. Man sollte meinen, dass den Besuchern auch irgendwann einmal der Kragen platzt. Nichts, Null, Nada. Stoisch erwarten die komatösen armen Seelen das frühzeitige Lebensende, oder bestenfalls melonengroße, bitumenfarbige Eitergeschwüre im Gehörgang. ˋWer sich nicht wehrt, lebt verkehrt´ scheint beim interessierten Kunstpublikum nicht zu gelten. Da aber die Zeit außerhalb der Galerie oder des Museums relativ schneller oder wenigstens normal abläuft, empfehle ich es mir gleichzutun und eine gute halbe Stunde später zu erscheinen.

Admin - 08:22:42 @ Allgemein | Kommentar hinzufügen