Administration

Atom

2017-12-20

Zellen, 4 (2014)

Hans Ernst: Ich schreibe ein Buch über geometrische Formen in der Kunst. Beginnend beim Punkt über die Linie, Dreieck, Quadrat und so weiter bis zu Vielecken und Kreisen, und schließlich auch unregelmäßigen Formen. Das dabei die Zelle nicht fehlen darf ist ja wohl klar. Und wen könnte ich dazu kompetenteren fragen als dich?Also: Was kannst du mir über die Zelle in deiner Kunst erzählen?

Manfred Heinze: Das die Zellen durchaus auch zu den geometrische Formen gehören hast du ja schon richtig erkannt. Jede noch so komplexe Zelle setzt sich letzten Endes aus Kreisbögen verschiedenster Radien und manchmal auch aus einigen wenigen Geraden zusammen. Dies Formen nennt man biomorph, was in meinem Fall etwas verwirrend ist, wie ich später noch erläutern werde. Alfred Barr, der Gründungsdirektor des Museum of Moder Art hat diesen Begriff in den 1930er Jahren in die Kunst eingeführt. Er wollt damit diese Formen von den einfachen geometrischen Formen wie zum Beispiel dem Quadrat oder dem Kreis abgrenzen. Da, wie ich gerade erklärt habe, auch biomorphe Formen geometrische Gebilde sind, ist diese Abgrenzung nicht ganz korrekt, aber wir wissen ja was er meinte, und so belassen wir es einfach bei diese Unterscheidung. Als Konsequenz daraus prägte er jedenfalls den Begriff Biomorphic Abstraction, den ich aber bisher nie verwendet habe, da meine Zellen nur im allerweitesten Sinne etwas mit Bio zu tun haben. Der Akt des Malens und vor allem die Wiederholung des immer gleichen Vorgangs des Malens der Zelle, die zwar unterschiedlich, dabei aber auch ähnlich sind, gleicht einer meditativen Zeremonie oder einem Ritual. Das Übermalte wird dadurch zu etwas Besonderem oder Verehrungswürdigem. Diese Aura des Zellenornaments kann der Betrachter in Kenntnis des Entstehungsprozesses empfinden, sofern er sich auf die Bilder in gleicher Weise meditativ einlässt. Meine Zellen sind Ornament, mithin also Schmuckwerk, Verzierung oder Dekoration, was du aber bitte nicht mit dekorativ verwechseln solltest. Nach meiner Vorstellung haben meine Zellen nichts mit den organischen Zellen der Biologie zu tun, wo auch immer diese Zellformen in Erscheinung treten mögen. Auch darin liegt wieder ein kleiner Widerspruch, hat sich 1977 meine Zellenmalerei doch aus der Struktur des Natursteinbelags der Terrasse bei meinen Eltern ergeben. Obwohl die Bruchsteine ein natürliches Produkt sind, hat mich nicht ihre Natürlichkeit interessiert, sondern die grafische Wirkung, also das ornamenthafte der Struktur. Aus dieser Entdeckung und Empfindung heraus haben sich meine Zellenbilder entwickelt.

Demnach sind meine Zellen auch nicht Symbole für Leben oder Biologie im weitesten Sinne, sonder sehr komplexe Formen der Geometrie. Das ich über viele Jahre einfache geometrische Formen in meinen Bildern verwendet habe ist somit kein Widerspruch, sondern nur eine radikale Vereinfachung der Zellen. In diesem Sinne sind also auch meine Quadrate und Rechtecke Zellen. Sichtbar wir dies an dem Bild 01.055 (gelb/schwarz).

Was also die Zellen in meinen Bilder wollen, ist nicht viel mehr als gut auszusehen. Sie wollen die Welt verzieren und verzücken, sie wollen auf den Betrachter wirken, sie wollen schön sein. Und so legen sie sich auf einfarbige Flächen, über freie Abstraktion, über Fotos und gegenständliche Gemälde oder auf gewebten Stoffmustern. Machmal sind es nur einige wenige, manchmal sind es ganz viele, und manchmal ist die komplette Bildfläche mit Zellen überdeckt. Sie sind klein oder groß, sie sind exakt in ihrer Begrenzung oder ganz wild ohne eindeutig definierte Zellwand. Sie sind hohl oder vollständig gefüllt, und sie haben, wie ein Zen-Kreis, zwischen dem Anfang und dem Ende eine kleine Lücke, oder sie sind ohne erkennbarem Anfang und Ende geschlossen gemalt. Meistens schmiegen sich die Zellen aneinander, die Form der einen Zelle bedingt also die Form der Nachbarzelle, aber es gibt auch die separatistischen Zellen, die lieber allein sein wollen. Derart variantenreich bilden die Zellen ein der klassische Ornamentik verwandtes Flächenornament oder ein Füllornament. Daher ist die Frage nach dem Warum, also: Warum bedecken die Zellen die Bildfläche? eine überflüssige Frage. Niemand käme auf die Idee bei einer Stuckdecke, einem Barockmöbel oder einem alten Teppich nach dem Warum der Ornamente zu fragen. Sie sollen den Gegenstand verzieren. Nichts anderes sollen die Zellen auf meinen Bildern erledigen. Sie verzieren das Bild damit es als schönes Bild den Betrachter erfreuen kann.

Was sollen die Zellen aber bei einem thematischen Bild? Beispielsweise eine Ausstellung zum Thema Krieg, bei dem ich auf einem Camouflagestoff meine Zellen gemalt habe. Krieg und Camouflage, plumper geht’s kaum. Aber so einfach ist das natürlich nicht. Zunächst einmal besteht dieser Stoff seinerseits aus einer Art Zellenstruktur, die für eine spezielle Aufgabe die Funktion erfüllt, genau so wie der Stoff ansich kein Dekostoff ist, sondern den Körper des Trägers vor Witterungseinflüssen schützen soll. Bei der Verwendung als Bildträger wird diese Funktion aufgehoben und das Muster wird zum Hintergrund meiner Malerei. Auch die gedeckten Farben Olivgrün, Braun, Beige und Schwarz sind Hintergrund und Grundierung für meine eher kräftigen Farben. Meine Zellen korrespondieren also mit dem vorhandenen Stoff und konterkarieren diesen. Das bei all dem ein ästhetisch gutes Bild entstehen soll dürfte klar sein, die Interpretetionsmöglichkeiten, die sich daraus ergeben biete ich nur an, ich muss sie nicht auch noch vorgeben. Also ist der Betrachter frei im Umgang mit meinem Angebot. Er kann das Zellenornament über Camouflage pazifistisch, ironisch, loyal oder neutral bewerten. Für alles ließe sich sicher eine schlüssige Interpretationskette herstellen. Jede davon ist mir recht. Ich selbst aber halte mich dabei heraus.Wie du siehst, übermale ich zwar alles einfach mit Zellen, aber die konkrete Wahl und das Verhältnis von Farbe, Dichte, Größe, Temperament zu Hintergrund, Untergrund und Bildträger in Kombination mit der besonderen Art meiner Präsentation des Bildes ohne Keilrahmen eröffnet vielfältige Betrachtungsweisen. Und von all den vielfältigen Betrachtungsweisen ist mir die auf die Ästhetik reduzierte immer noch die liebste.

Admin - 10:24:15 @ Allgemein | Kommentar hinzufügen