MANFRED HEINZE
 

On this website Manfred Heinze will post selected texts from his book »Onomatopoesia[Ahh]«
(in German language only - sorry)


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2017-11-20

Über Kunst und Sonstiges [1] (2005)

Hans Ernst: Siehst ein wenig zerknittert aus, was ist passiert?
Manfred Heinze: Ich war heute schon früh auf. Birgit musste zu einem Termin und ich hab mich um Lynn gekümmert und sie in den Kindergarten gebracht. Am Nachmittag bin ich dann im Atelier auf dem Sofa eingeschlafen. Darunter hat die Frisur gelitten. Daher mein Aussehen.

Was hast du denn heute gemacht?
Zuerst Bürokram. Bankgeschichten, Post und die übliche Verwaltungsarbeit. Dann bin ich ins Atelier gegangen. Hatte aber keine rechte Lust. So hab ich dann ein wenig auf Papier gemalt. Experimentiert. Vor einigen Tagen habe ich neuen Rahmen für Tondi gebaut. Die waren noch nicht fertig. Daran hab ich dann weitergearbeitet. Geschliffen, gespachtelt, Aussteifungen eingebaut und so weiter.

Klingt nach richtiger körperlicher Arbeit.
Ja. Mann, dass macht ganz schön kaputt. Am Wochenende habe ich ein neues Regal für meine Skulpturen ins Archiv eingebaut. Erst alles ausräumen, Regal zusammenschrauben, alles wieder einräumen. Als ich um 23 Uhr nach Hause kam, bin ich wie Tod ins Bett gefallen.

Was machen deine neuen Skulpturen? Ich meine die Architektur- Skulpturen. Wie haben sich die seit unserem letzten Gespräch entwickelt?
Die „funktionalen Skulpturen“ wie das Projekt jetzt heißt. Ich hatte zirka zwanzig Skulpturen fertig gestellt und fotografiert. Dann habe ich erst einmal Pause gemacht, und wollte sehen, wie die Dinger ankommen. Bettina hat dann -

Deine Agentin?
Ja, sie hat Anfragen Bewerbungen an Galerien und Aussteller zu verschicken. Noch haben wir keine Ausstellung, aber die Resonanz war gut. Also arbeite ich jetzt wieder an neuen Objekten.

Wie machst du das?
Du meinst, wie die Arbeit an den Skulpturen aussieht?

Ja. Wie entsteht so eine Skulptur?
Ich suche zuerst die Modelle aus, die ich als nächstes bearbeiten will. Alle Modelle sind in einer Liste vermerkt. Die hilft mir, eine Entscheidung zu fällen und die hilft mir auch bei der Ausführung. In dieser Liste habe ich die Herkunft und die Funktion notiert. Für die Arbeit hilft mir die Liste, weil ich darin alle Arbeitsprozesse kontrolliere, den Titel der Skulptur aufschreibe, die Fotonummer, Datum, Werkverzeichnisnummer und so weiter. Wenn ich also ein Modell ausgesucht habe, muss ich es zuerst so bearbeiten, dass ich es als Skulptur nutzen kann. Dass heißt, Spachteln, Schleifen oder auch größere Veränderungen vornehmen. Dann folgt die Herstellung der Abstandsplatte und der Basisplatte, auf der das Modell dann steht. Das Modell wird dann auf die Basisplatte montiert. Der Sockel wird gereinigt und dreifach lackiert. Das Modell wird dreifach mit einer Eisenbeschichtung behandelt und anschließend dreifach mit einem Oxidationsmittel betupft, so dass eine schöne Rostschicht entsteht. Zum Schluss wird das Modell auf dem Sockel befestigt. Fertig ist die Skulptur. Der ganze Prozess für eine Skulptur dauert etwa sieben Tage – wenn ich jeden Tag daran arbeiten kann.

Ist doch eigentlich schnell für eine Skulptur?
Na ja. Sind ja eigentlich nur kleine Dinger. Dafür beanspruchen sie dann doch ganz schön viel Zeit.

Nervt dich das?
Nein, nein. Nerven nicht. Aber manchmal fällt es mir schwer an einer Idee, wenn sie denn einmal umgesetzt ist, weiter festzuhalten und die Serie zu vollenden. Es beleiben dann so viele andere Ideen liegen.

Was denn für Ideen?
Och nee. Frag mich was anderes.

Warum willst du nicht darüber reden?
Ich will nicht grundsätzlich nicht, aber ich will heute nicht.

Gut. (trinkt, überlegt) Was macht deine, – Badenweiler? Richtig?
Ja, Badenweiler.

Badenweiler Trilogie. Was ist damit?
Ja, das sieht es gut aus. Ich werde sie von Anfang Mai bis Ende Juli im Museum Tschechow-Salon in Badenweiler zeigen. Ich bin gerade dabei die letzten Feinarbeiten am neuen Katalog zu machen. Bettina versucht auch noch die Bilder anschließend in Berlin unterzubringen. 2004 ist ja Tschechow Gedenkjahr. Der ist am 15. Juli 1904 in Badenweiler gestorben. Also schon 100 Jahre Tod. Ich weiß gar nicht wo der bestattet ist. Weißt du wo?

Nee, keine Ahnung?
Auf jeden Fall wollen wir 2004 noch eine Ausstellung in Berlin mit den Bildern machen. Mal sehen, wer sich da noch findet.

Sonst etwas Neues in Arbeit?
Na gut, Nervensäge. Ich arbeite noch an einem Projekt für 2005. Es wird wohl eine Bilderserie werden, die sich um den Fluss Havel dreht. Die Havel ist dafür vorgesehen, dass sie Fluss des Jahres 2004 / 2005 wird. Hierzu will ich eine Reihe von Bildern machen, die mit der Havel als Kultur- und Naturgut zu tun hat, das aber von allen möglichen Eingriffen bedroht ist.

Ich bin sehr überrascht. Seit wann so thematisch?
Ich weiß auch nicht. Hat sich so ergeben. Möglicherweise ist das Umfeld schuld. An jeder Ecke wird heute thematisch gearbeitet oder x- beliebige Themen in Kunstwerke gepackt. Dass abstrakte Malerei einfach nur Farbe darstellt, ist kaum noch vorgesehen. Ein Blick ins Kunstform reicht: Kein Bericht ohne hochtrabende Erklärungsversuche zu manchmal jämmerlichen Bildern oder Objekten. Einzig Ausstellungsberichte über Klee, Kandinski, Pollock, oder Gerhard Richter, wenn er abstrakt malt, verzichten auf das Interpretationsgestammel. Geht auch nicht, denn die wollten nie so Bedeutungsschwanger sein. Richter nicht einmal mit seinen Gegenständlichen Bildern. Ich glaube aber, dass ich mit meinen Titeln, die ich meinen Arbeiten verpasse, diese Tendenz ganz gut ironisieren kann.

Wieso?
Weil meine Titel mit dem dargestellten eigentlich selten etwas zu tun haben. Oder: weil nichts Erkennbares zu sehen ist, was mit dem Titel in Verbindung gebracht werden könnte. Ich habe eine große Sammlung von Wörtern und Titeln, die ich intuitiv verwende. Es gibt beispielsweise eine Sammlung von Wörtern, die im Englischen und im Deutschen nicht nur identisch geschrieben sind, sondern auch das gleiche bedeuten.

Was ist dann an der Havel-Serie anders?
Hier habe ich schon ein ernsthaftes Anliegen. Ich bin bereits einige Male mit dem Boot über die Havel geschippert. Dafür habe ich 1998 den Bootsführerschein gemacht. Eine wundervolles Erlebnis, mit 10 Kilometern in der Stunde durch die Landschaft zu tuckern. Die Havellandschaft ist unbeschreiblich. Buchten, Seen, kleine und große Ortschaften, Schlösser und eine parkartige Landschaft so weit das Auge gucken kann. Die Havel windet sich in ungezählten Biegungen durch das flache Wiesen- und Waldland. Jeder Eingriff verbietet sich eigentlich von selbst. Aber trotz strengstem Naturschutz und Biosphärenreservat gibt es eine akute Bedrohung.

Wie willst du das darstellen? Wirst du Gegenständlich arbeiten oder wird das wie bei der Badenweiler Trilogie alles abstrakt bleiben?
Ja und nein. Ich werde um eine gewisse Gegenständlichkeit nicht herumkommen. Ich will auch nicht darum herum kommen. Aber ich denke, die Gegenständlichkeit auf gefundene Fotos aus dem Internet zu beschränken. Das passt mir gut ins Konzept. Die Eingriffe, Störungen und Bedrohungen kann ich dann malerisch abstrakt darstellen. Aber dass ist momentan alles nur Konzept. Gemalt habe ich noch nichts.

Das ist ja auch ein privates Ding, diese Havel-Serie. Das hat dich privat berührt. Gibt es öfter private Ereignisse, die dich in deiner Arbeit beeinflussen?
Ich glaube eigentlich nicht. Oder zumindest selten. Ich erinnere mich so spontan eigentlich nur an die Trennung meiner ersten Frau, die ich in einem Bild umgesetzt habe. ‚Scheidung’ heißt das konsequenterweise dann auch.

Jetzt ist die Havel-Geschichte ja nicht von so großer Tragweite wie eine Scheidung. Was ist es, das dich berühren muss, damit du dazu arbeitest?
Kann ich so gar nicht beantworten – ich weiß es nicht. Es muss glaube ich nicht sehr bedeutend sein, damit es mich aktiv werden lässt. Andererseits führen tief greifende Erlebnisse auch nicht automatisch dazu, da ich dazu etwas machen will. Die Geburt meiner Tochter oder meine zweite Ehe, das muss ich nicht zwanghaft Verarbeiten. Ich neige eigentlich dazu, solche Dinge außen vor zu lassen. Die Auswirkungen auf meine Arbeit sind daher auch eher gering.

Hat das mit deinem eigentlichen Ansinnen zu tun, dass du im Grunde nichts ausdrücken willst? Dass du keine Aussage machen willst?
Ja. Wenn ich über dieses Ansinnen nachdenke, ärgere ich mich manchmal über solche Projekte, die dann zu solchen Themen führen oder die mich konkret angreifbar machen.
Ich bleibe eigentlich lieber wage, unentschieden, offen. Ich äußere mich am liebsten verbal im Zwiegespräch.

Jetzt wird es aber sehr widersprüchlich?
Ja, ich weiß. Diese themenbezogenen Arbeiten werden auch bestimmt die Ausnahme bleiben. Das aber auch zukünftige Arbeiten konkrete Titel tragen bedeutet nicht, dass ich das Bild für ein Ereignis gemalt habe. Und selbst wenn ich für ein ganz konkretes Ereignis arbeite, das Bild für dieses Ereignis einen auf das Ereignis abgestimmten Titel trägt, heißt das nicht, dass ich tatsächlich etwas Konkretes darstellen will oder ich etwas damit ausdrücken will. Ich nutze das Ereignis und den Titel des Bildes um dem Betrachter die Möglichkeit zu geben, sich eine Interpretation zurechtzubasteln. Ist das verwerflich?

Nein, nein. Überhaupt nicht. Hast du ein schlechtes Gewissen?
Nein.

Willst du …
Nein, ich finde das richtig so. Jeder soll sich seine Gedanken zu den Werken machen. Ich biete ja gerne den Vergleich mit einem Musikstück an, das ja auch nichts Reales wiedergibt, einen Titel hat und den Zuhörer so zum Nachdenken anregt, was wohl die Musik, die er da hört mit dem Titel zu tun hat. Genau so, wie ja die Melodie eines Liedes eine Assoziation weckt, machen das ja meine Farben und die Komposition der Farben. Um diese Interpretationsleistung noch zu steigern, habe ich mir eine neue Methode der Titelfindung ausgedacht.

Die da wäre?
Ich habe mir am Computer eine Titelmaschine programmiert. Eine Reihe von Zufallszahlen bestimmen eine Reihe von Buchstaben, die, unterschieden in Groß- und Kleinschreibung meist kaum lesbare Wortschöpfungen ergeben, die nichts bedeuten und nicht aussagen, aber dennoch wie ein richtiger Titel wirken.

Zum Beispiel?
Na, aus der Liste zeigen kann ich dir jetzt keinen. Aber ich könnte einen frei erfinden, der denen nahe kommt, die mein Programm ausgespuckt hat. Also zum Beispiel (schreibt) „Nxcd Co Ztses“. Sieht ja wohl toll aus, oder?

Sehr verwirrend. Man denkt zunächst wohl an eine fremde Sprache. Sind die alle so unaussprechlich?
Nicht immer, der Zufall will es, dass schon mal richtige Wörter dabei herauskommen, das macht die Sache aber nicht einfacher, sondern eher verwirrender, dass die übrigen Wörter ja wieder nicht les- oder sprechbar sind.

Das heißt, die Titel bestehen immer aus mehreren Wörtern?
Ja, mindestens aus zwei Wörtern.

Wo wir gerade bei Wörtern sind und was mir schon lange unter den Nägeln brennt zu fragen, da ich ja nicht immer dabei bin: Erläuterst du deine Arbeiten? Beispielsweise bei einer Ausstellungseröffnung in der Rede oder anschließend im Gespräch? Du bist ja in Interviews sehr offen in deinen Berichten über deine Arbeit. Sowohl was den Inhalt anbelangt als auch die Technik. Setzt sich das dann bei solchen Gelegenheiten fort?
Ja, schon. Aber anders. Ich nutzte meist die Gelegenheit
Missverständnisse der abstrakten Malerei auszuräumen. Natürlich spreche ich auch über inhaltliches oder über Techniken, aber ich vermeide es eigentlich tunlichst, dem Betrachter seinen Eindruck des Bildes durch meine Erläuterung zu vernebeln oder gar zu zerstören.

Persönlich oder bei der allgemeinen Ansprache?
Ich halte nicht gerne lange Ansprachen. Die Redner, die über mich sprechen, können das besser. Ich meine, die können besser über meine Werke reden und auch Interpretationshilfen geben, ohne dass sich der Zuhörer davon etwas annehmen muss. Ich bedanke mich am liebsten nur artig und wünsche allen einen schönen Abend. Das hat mir bei den Professoren an der Kunstakademie schon sehr gefallen, diese wortkarge, schüchterne Zurückhaltung, obwohl die auch ganz anders konnten.

Apropos Kunstakademie. Du warst ja nur von 1988 bis 1989 auf der Kunstakademie in Düsseldorf. Was hat dich vertrieben?
Staatliche Kunstakademie, wie die damals noch hieß. Staatsapparat also. Freie Kunst habe ich studiert. Zwei Semester in der Klasse von Professor Ernst Kasper. Dann hatte ich genug. Herangezüchtet werden völlig unsensible und hochnäsige Typen, die absolut keinen Anstand und Respekt haben. Aber es kommt noch schlimmer, die haben absolut keinen Stil. Mir sind selten so stillose Wesen über den Weg gelaufen, da konnte ich einfach nicht bleiben. Alles funktionierte nur im geschlossenen System der Akademie. Nur nicht nach außen dringen. Es werden keine Künstler gefördert, sondern alle werden allein gelassen und dann wird noch aufgepasst, dass bloß niemand besser wird als der Meister.

Wie reagierten die Studenten darauf?
Gut Frage. Du wirst es kaum glauben: Sie reagieren gar nicht, obwohl das nach außen hin ganz anders aussieht, und die Selbsteinschätzung auch eine völlig andere ist. Ich muss mich wiederholen: Ich habe selten zuvor eine solche Menge unzufriedener und dadurch völlig ignoranter, und unsensibeler Menschen gesehen wie dort. Jeder versuchte selbst der große Meister zu sein und dies nach außen zu tragen. Ich kann mir das nur durch die ganz und gar desolate Akademiepolitik und die katastrophale Pädagogik erklären. Ernst Kasper nehme ich davon allerdings aus. Die Studenten …

Jetzt erhebst du aber schwere Vorwürfe. Kannst du denn konkrete Situationen schildern oder Vorschläge machen?
Ja, sicher. Vorher muss ich ergänzen, dass es natürlich auch an den Studenten liegt. Kaum einer reagiert auf diese Missstände. Einerseits hängt das mit dem Kunstmarkt zusammen, der nicht gerade auf jede beliebige Menge junger Künstler wartet, andererseits fehlt offenbar vielen Akademieanfängern die notwendige Reife und Intelligenz für ein solches Studium, womit ich wieder den Ball der Akademie zuwerfe, denn die urteilt ja schließlich über die Bewerbungen. Da wird gemalt und gebastelt, als ginge es nur darum, den Volkshochschulkurs für Seidenmalerei der Mutter zu überbieten. Ich vermisse jede Art von Reflektion und Position. „Mich beschäftigt die Dominanz der Blautöne in der Werbung – das versuche ich malerisch umzusetzten. Bla bla bla.“ Da geht mir doch der Hut hoch. Ich bin mir sicher: Mit mehr Intelligenz kann man auch bessere Kunst machen.

Was wäre denn bessere Kunst?
Na, da hab ich jetzt aber was gesagt. Ich denke, dass muss zunächst einmal jeder selbst empfinden. Es kommt hin und wieder vor, dass ich auf intelligente Kunst stoße, auf Ideen, die wirklich neu sind oder die phantasievoll umgesetzt sind. In letzter Zeit fällt mir Kunst auf, die zum Mittel der Lüge greift. Äußerst vielschichtige Un- oder Halbwahrheiten werden da angeboten, um Inhalte oder Absichten zu transportieren. Obwohl ich ja nicht so auf thematischen Arbeiten stehe, beschäftigt mich zur Zeit das Thema “Lüge”. Wieso, will ich später erklären. Ich beobachte da in der Kunst eine zunehmende Rückkehr der Lüge, Phantastereien und Mythen. Zum Beispiel die Atlas-Group. Der Künstler Walid Ra ́ad hat diese imaginäre Forschungsstiftung gegründet und nutzt fingierte Tagebücher, Videos und PowerPoint Vorträge zur vermeintlichen Dokumentation der Geschichte des Bürgerkrieges im Libanon zwischen 1975 und 1990. Oder die Gruppe subRosa, die in die Rolle von Anwälten von Fortpflanzungstechnologiefirmen schlüpft, und mit medizinischen Ausrüstungen wie Petrischalen und Tabellen und Dias in Vorträgen vermeintliche Erfolge der Gentechnologie präsentiert. Diese Künstler nutzen also für die Produktion ihrer Lügen die Ästhetik der Wahrheit. Dies Projekte entsprechen auf keinem Fall der Wahrheit, andererseits sind sie auch nicht so ganz erlogen - bestehen doch immerhin gewisse Zusammenhänge, zeitlich und räumlich, und zumindest die Möglichkeit der Wahrheit. Das finde ich, ist intelligente Kunst. Was die Lüge anbelangt, habe ich das Gefühl, dies sei früher in der Kunst auch schon so gewesen. Wie viele Schlachtenbilder und vermeintlich dokumentarische Gemälde, die zur Geschichtsschreibung dienen sollten, waren gelogen? Wie verhält es sich kunstgeschichtlich mit der Kunst der Lüge? Kannst du mir da helfen?

Ja, das ist mal eine Frage! Eine Hauptseminarfrage, ein Dissertationsthema, da bin ich mir sicher. Erster Gedanke: Lüge dient dem Erhalt von Macht oder Status in einer sozialen Gruppe. Deshalb allein funktioniert der demokratische Staat. Er fordert die Lüge, denn nur so kann sich die eine Gruppe gegen die Interessen einer anderen durchsetzen. Die bessere Lüge siegt immer über eine vermeintliche und doch nie existente Wahrheit. Auch im Privaten. Analog ist es in der Kunst, handwerklich wie inhaltlich.
Mein zweiter Gedanke: Die Lüge ist Grundlage aller Kunst. Was ein der Kunst sich hingebender Mensch erwartet, ist der Ausbruch aus der Realität in die Sphären des nie Gesehenen, nie Erhörten, nie Gelesenen und so weiter. Je besser die Imagination wirkt, umso großartiger die Kunst, umso bewundernswerter der Akt der Schöpfung aus dem nichts. Phantasie und Lüge sind eineiige Zwillinge.
Es gibt ein Buch, das heißt: erfundene Kunst. Es geht um erfundene Künstlerbiographien aus Romanen, Filmen und so weiter. Das bringt mich auf den Gedanken, wie es wohl die Künstler mit der Wahrheit hinsichtlich ihrer Biographie halten. Stimmt das Geburtsdatum? Ist jede Ausstellung in der Vita wirklich mit Beteiligung des Künstlers abgelaufen? Ist das Museum in Dingsda aus dem Ausstellungsverzeichnis wirklich ein Museum oder ist es nur eine Privatinitiative in einer leeren Garage? Sind die Pressemitteilungen über die angeblich so künstlerisch geprägte Jugend wahr? Ist der Verlag des Kataloges wirklich Existent oder ist es nur ein versteckter Eigendruck? Ist das Interview mit dem Künstler echt und gibt es den Interviewer wirklich oder ist er auch nur eine Erfindung? Was denkst du, wie weit hier die künstlerische Freiheit geht? Ist der Künstler als Kunstfigur denkbar und legitim?
Was ist wenn nicht nur der Künstler eine Kunstfigur ist, also das eigentliche Kunstwerk ist, sondern diese Kunstfigur darüber hinaus auch noch “ganz normal” künstlerisch arbeitet? Wie zum Beispiel der Künstler John Smith der nicht wirklich existiert und der aus Marko Mäetamm und Kaido Ole aus Estland besteht. Der, also eigentlich die, hatten unter dem falschen Label junge britische Kunst in der Kunsthalle Tallinn eine Ausstellung mit Bildern von John Smith, die an Leo Katz erinnerten.

In der Kunst alles machbar. Aber nicht der Künstler sollte Gegenstand deiner Betrachtungen sein, sondern ausschließlich der Konsument einer Aktivität. Seiner Entscheidung obliegt die Wertung, er bildet auf dem Markt Begehrlichkeiten. Ihm kann man alles vorwerfen, aber was wird er aufnehmen?
Der Konsument sollte also im Mittelpunkt meiner Betrachtung stehen. Das sehe ich einerseits ein, andererseits will ich über so etwas wie künstlerische Freiheit reden, bei der der Betrachter zunächst einmal überhaupt keine Rolle spielt. Außerdem: wie soll der Betrachter entscheiden, wenn er nicht weiß oder sich nicht sicher sein kann was nun Wahrheit und was Lüge ist? Der Betrachter kann also nur nach dem Entscheiden, was er sieht oder weiß. Ist die Lüge, um den Betrachter also nicht grundlos in die Irre zu führen, nur legitim, wenn ein Konzept oder ein besonderer Grund die Lüge rechtfertigt? Ist die Lüge in der Kunst nur als Mittel zur Verdeutlichung erlaubt? Kann sich ein Künstler nicht ebenso verlogen benehmen wie die yellow press, also die Klatschpresse, die schamlos Fotos manipuliert, Interviews fälscht oder erfindet oder gar komplette Geschichten erfindet? Die yellow press macht all dies aus Marketingzwecken - ein Künstler muss sich auch Verkaufen, darf er ebenso handeln? Die yellow press muss mit juristischen Schritten der evtl. Betroffenen rechnen - hat ein Künstler dies auch wegen Hochstapelei zu befürchten oder ist das Teil seiner künstlerischen Freiheit?

Mit der Begrifflichkeit der Lüge, wie du sie nun nutzt, wirst du plötzlich mit juristisch-moralischer Argumentation zu einem Vertreter der Verbraucherzentralen. Sprechen wir über die Fälschung eines Kunstwerkes, welche im Zweifel justiziabel ist, oder über die Lüge in der Kunst? Als Beispiel für die folgende Argumentation, du wolltest ja den kunsthistorischen Aspekt einbezogen haben, halte dir die klassische Säulenordnung vor Augen, besonders die Entwicklung der Kapitelle: Kunst- und Kulturleistung, Lüge und Wahrheit zugleich. Vorgetäuscht wird bei der korinthischen das tragen der steinernen Auflage durch Vegetation. Da die Kunst immer eine Lüge in der fassbaren Welt der vermeintlichen Wahrheiten ist, Kunst eine Lüge gegen die
Rationalität des immer erfahrbaren der Sinne ist, ist sie der Entwurf einer Gegenwelt, der in teilen erfahrbar wird. Zwar wissen wir, dass sich vermeintlich sichere naturwissenschaftliche Erkenntnisse mit dem Fortgang an Zeit wandeln, so sehr wandeln, dass das Universelle die Möglichkeiten menschlichen Denkens überfordert. Nicht einmal Zeit und Raum sind sicher zu definieren. Und so erlaubt sich der Künstler im Extremfall an die Grenze des Denkens zu gehen und so nur dem unerfahrenen einen Raum zu schaffen. Ist es neu oder Lüge? Wie ich schon sagte: Kunst und Lüge sind eineiige Zwillinge.
Wo finde ich bei dir die künstlerische Lüge?
In zwei Bereichen. Erstens in einigen Werken, wobei die natürlich irgendwie thematisch und gegenständlich sein müssen. Abstrakt kann man nicht lügen. What you see is what you get. Zweitens in meinen schriftlichen Notizen. Da aber …

Wo denn da?
Wollte ich gerade sagen. - Bei den schriftlichen Notizen sind die Lügen nicht besonders versteckt. Ich bediene mich der Gattung der Interviews um Statements und Reflexionen zu meinen Werken oder meiner Arbeit abzugeben. Ein Interview hat für den Leser natürlich den Anschein, als sie es die Dokumentation eines tatsächlichen Ereignisses. Je mehr Fragen gestellt werden, umso näher fühlt sich der Leser dem Fragenden verbunden und umso mehr erfährt der Leser natürlich, für den ja stellvertretend gefragt wird. Unter Menschen ist die geläufigste Art der Kommunikation das Gespräch, weil das schöne daran ist, dass man auf bereits gesagtes zurückkommen kann, Aussagen präzisiert und sich mit dem Gesprächspartner im Dialog auf etwas einigen kann. Es ist schöner, wenn man sich unterhält als wenn nur einer einen Monolog hält. Und so finde ich sind auch erfundene Gespräche ein rechtmäßiges Mittel des geschriebenen Wortes. Sokrates entwickelte sein eigenes Denken am liebsten im Dialog mit anderen, und Platon hat seine theoretischen Arbeiten, in denen er seine philosophischen Forschungen darlegte, nicht als wissenschaftlichen Text sondern als Dialog niedergeschrieben. Teilweise hat er auch längere monologische Erläuterungen geschrieben und literarische Einflüsse der Tragödie und der Komödie benutzt. Obwohl Platon Ort und Datum der Gespräche angibt, waren sie alle erfunden – es gab keinen Gesprächspartner.
Noch ein Beispiel: Kirchner - Ernst Ludwig Kirchner. Er hat den Namen Louis de Marsalle benutzt und durch ihn seine eigenen Werke gelobt. Kirchner hat so unter diesem Pseudonym in einer frühen Variante der Kommunikationsguerilla jede Menge Aufsätze in Katalogen und in den Zeitschriften Genius und Cicerone über seine eigene Kunst veröffentlicht. Entweder dreist oder aus Marketing Gesichtspunkten genial. Oder beides. Wie auch immer - ich benutze also das Interview, um mich mitzuteilen. Erkennbar sind diese Interviews an meinem Gesprächspartner, der ist mein anders ich - mein alter ego. Ein einziges Mal habe ich einen anderen Interviewpartner erfunden. Das war Rolf Gustavson. Ein erfundenes Interview mit einen real existierenden Menschen war mein Tagesthemeninterview mit Ulrich Wickert. Die beiden Interviews waren für den Katalog Badenweiler Trilogie, und den sehe ich eher als Literatur denn als Kunstkatalog. Das Interview war echt - also das mit Gustavson. Ich habe es mit meinem Bruder geführt,
aber der Name samt Biographie war erfunden. Bei dem Interview mit Ulrich Wickert half mir eine Ausstellung in Berlin, die sich mit Lügen beschäftigte. Da stand eine Blue Box, und es sah so aus, als säße ich bei Wickert im Studio. Wenn man genau hinsieht, entdeckt man meine Kamera, mit der ich die Blue Box Projektion abfotografiert habe.
 
Warum machst du das?
Warum habe ich genau diese Fragen jetzt erwartet?
Das Interview mit Wickert diente eigentlich nur der Aufklärung, dass ich überhaupt Interviews erfinde. Generell aber ist es wegen der Langweile, die mich immer fürchterlich bei theoretischen Texten trifft, besonders wenn sie von Künstlern über ihre Arbeit oder ihre Werke geschrieben sind. Das Interview bietet die Möglichkeit viel lockerer über solch trockene Dinge zu reden und den Leser direkt anzusprechen. Ich kann Plaudern, ohne Gefahr zu laufen zu philosophisch, zu theoretisch oder gar schulmeisterhaft zu werden. Für den Leser ist dies viel besser zu verstehen. Mit ein bisschen Geschick, treffe ich genau die Fragen an mich, die auch der Leser an mich oder zur Sache hätte. Ein Interview fordert nicht direkt die eine oder andere Wahrheit der Gesprächsthemen, sondern der Leser kann sich aus dem Wechselspiel von Rede und Gegenrede eine eigene Meinung bilden.

Wenden wir uns wieder der Malerei zu. Mir ist aufgefallen, dass du viele Arbeiten, die du auf Papier machst, auf Chromolux gemalt sind. Warum?
Das Papier lässt sich sehr schön bearbeiten. Ich kann die Farbe, wenn sie noch nass ist, auf dem glatten Papier sehr gut wieder wegnehmen oder abkratzen. Das geht mit Aquarellpapier nicht so schön, ohne das Papier zu beschädigen. Aber es hat auch mit der Patina und dem Verfall zu tun. Ich liebe den Zerfall und die Vergänglichkeit. Ich plane sie eigentlich nicht direkt in mein Werk ein, aber an einigen Stellen setzte ich bewusst darauf. Chromolux wird mit der Zeit etwas gelblich und die oberste Schicht beginnt leicht zu kreiden. Ein sehr schöner Prozess. Die Oberfläche bekommt eine schöne Patina. Nur schwach zu sehen, da die aufgemalte Farbe sehr kräftig und klar bleibt. Du kennst die wunderschönen gelblichen Untergründe alter Gemälde. Gerade aus den 1920er Jahren gibt es da einige. Chromolux-Papier wird im Laufe der Zeit genau so. Es dauert nur etwas.

Dass mit der Patina versehe ich ja, aber Verfall?
Das Kunstwerk geht den selben Weg wie wir. Sehr egozentrisch, ein Kunstwerk der Nachwelt zu entziehen, wenn man selbst nicht mehr da ist. Aber ich finde es Interessant. Soll sich bloß niemand einbilden, er würde alles für die Ewigkeit herstellen. Die chinesische und japanische Kultur handelt vielfach von diesen Erscheinungen. Die natürlichen Einflüsse von Wind, Regen und Sonne, die Verwitterung also durch den ständigen Wetterwechsel werden in Kunstwerke eingeschrieben. Diese Veränderungen durch die vergehende Zeit werden als Gewinn betrachtet, nicht als Zerstörung. Genau so wird auch die Patina auf natürlichen Materialien wie Schiefer, Kupfer oder Silber gesehen. Die Veränderung von Chromolux geht ja nicht so weit, dass er das ganze Bild zerstört. Das betrifft ja nur die Oberfläche, die nicht bemalt ist. Und auch die wird nicht zerstört, sondern nur verändert. Was den Faktor Zeit anbelangt, da gibt es eine projektierte Großplastik von mir, die den Verfall einplant. Für den Wieberplatz in Duisburg-Mitte habe ich die Mitte er 1990er Jahre entworfen. Raum der Sinne sollte die heißen. Bescheuerter Titel, wenn ich heute darüber nachdenke. Ein Element der Skulptur besteht aus 20 cirka vier Meter hohen dünnwandigen Eisenrohren die mit Rheinsand gefüllt sind. Die Rohre sollten in verschiedenen Farben einmal dünn lackiert werden. Direkt auf das Eisen. Ohne Voranstrich. Außerdem sollten die Rohre im laufe der Jahre mit langsam kletternden Efeu bewachsen werden. Der Verfallsprozess sieht dann wie folgt aus: Der Sand durchfeuchtet die Rohre von innen - von außen arbeitet die Witterung direkt - die Rohre rosten - erste Löcher entstehen - der Sand rieselt heraus - das Efeu wurzelt in die Röhre hinein - das Rohr löst sich auf - übrig bleibt die fünfeckige Basis der Skulptur aus Holzbohlen, sofern die nicht zwischenzeitlich verfault sind. Leider wurde aus der Finanzierung durch die Stadt Duisburg nichts, sonst hätten die Rohre sicher schon ihre ersten Löcher und die Farbe wäre sicherlich auch schon längst ab.
 
Und die Baubehörde hätte aus Angst vor umfallenden Rohren den Platz gesperrt, einen Gutachter bestellt und dich vor den Kadi gezerrt.
Ja, weil sie den Vertrag nicht richtig gelesen hätten und das Werk nicht verstanden hätten. Das mit dem Kadi wäre für die Stadt dann wohl in die Hose gegangen.

Oder sie hätten sich arglistig getäuscht gefühlt und Recht bekommen.
Auch möglich - insgesamt müßig darüber nachzudenken.

Wie spät?
Zwanzig nach fünf - musst du los?

Nein, nein. Ich hatte nur das Gefühl, wir quatschen schon ewig.
Fühlst du dich auch permanent unter Zeitdruck?

Eigentlich nicht, Du?
Ja, sehr oft. Frag mich nicht wieso. Weiß ich auch nicht. Ich habe manchmal das Gefühl, ich komme überhaupt nicht zur Ruhe. Ständig fallen mir Dinge ein, die ich noch erledigen könnte oder die ich unbedingt mal in Angriff nehmen muss. Vor allem in Sachen Kunst rattert mein Gehirn ständig. Immer wieder fallen mir neue Dinge ein, die ich unbedingt recherchieren muss oder ausprobieren will. Ständig bin ich im Kopf auf der Suche nach neuen Ideen. Nachts wache ich auf und notiere mir die dann, um sie am nächsten Tag in mein Ideenbuch zu übertragen.

Was war denn der letzte Eintrag?
Dichotomie. Es ging um das Wort Dichotomie.

Klingt irgendwie medizinisch.
Nein, nein. Dichotomie kommt aus dem Griechischen und bedeutet zunächst einfach nur Aufteilung in zwei Strukturen oder Begriffe. Mir war das Wort in einem Aufsatz von Rainer Metzger im Kunstforum aufgefallen. Er hat dort die Dichotomie auf die Kunstgeschichte bezogen. Er spricht von Dichotomisierung. Er meint die fünf kunstgeschichtlichen Gegensatzpaare die Heinrich Wölflin 1915 beschrieb: linear versus malerisch, flach versus tief, geschlossen versus offen, Vielheit versus Einheit und Klarheit versus Unklarheit. Metzger fügt dem neue Gegensatzpaare hinzu: White Cube versus Black Box, alte Medien versus neue Medien, Geschlechterdifferenz versus Geschlechterindifferenz, global versus lokal, etabliert versus marginalisiert und politisch versus unpolitisch. Eigentlich führt dieser plakative Gebrauch zu einer unangemessenen Verkürzung. Mögliche Gemeinsamkeiten werden dadurch vergessen oder sind nicht mehr zu erkennen. Welcher Art die Gemeinsamkeit darstellt, bleibt so völlig im Unklaren.

Ist die Gemeinsamkeit denn wichtig?
Ja, unbedingt. In der Mathematik, der Linguistik und vor allem in der Philosophie wird damit die Trennung des Begriffs in zwei Unterbegriffe beschrieben, die sich komplementär verhalten. Also wie schon gerade angedeutet, ist die Aufteilung für den Begriff Zahlen die Unterbegriffe gerade Zahlen und ungerade Zahlen. Etwas anschaulicher ist die Dichotomie in der Biologie, obwohl hier bei der Aufteilung die beiden Strukturen nicht komplementär zueinander sind. Dort bezeichnet sie beispielsweise die Aufgabelung eines Astes in zwei Äste. Für die Philosophie hat Platon ein einfaches Beispiel geliefert: Der Mensch ist ein Lebewesen; Lebewesen können sich bewegen oder ruhig verhalten. Hieraus folgt, dass der Mensch sich bewegt oder ruhig verhalten kann. Dies ist die so genannte dichotomische Einteilung. Wichtig ist dabei aber eben, dass die Unterbegriffe Gegensatzpaare sind. Wölflin und Metzger haben also bei ihrer Dichotomisierung schon ganz richtig gehandelt, da alle Begriffspaare als Unterbegriffe auch Gegensatzpaare sind. Nur fehlt jeweils der Oberbegriff, der die Gegensatzpaare eint.

Was hat dieses Wort in deinem Ideenbuch zu suchen?
Ich dachte mir, dass dieses Wort Dichotomie ein guter Titel für ein Gemälde sein könnte. Da sich meine Abstrakte Malerei aufteilt in freie Abstraktion und geometrische Abstraktion, ist dies eine dichotome Einteilung. Nachdem ich mich dann länger mit dem Begriff auseinandergesetzt habe, stellte ich fest, dass der Titel Dichotomie ein wunderbarer Oberbegriff für das Konzept meiner gesamten Malerei seit etwa 1983 ist. Was ich mache ist visualisierte Dichotomie.

Mir fallen da Ausstellungstitel und Texte zu deiner Malerei ein, die mit diesen Gegensatzpaare spielen: Spontan und Konkret - Gestisch und Geometrisch - Freiheit und System - Regel und Chaos - Kristalle in amorpher Umgebung - Architektur und Landschaft. Ist das alles die von dir beschriebene Dichotomie?
Es handelt sich bei meinen Bildern um die Zusammenführung von Elementen, die sich eigentlich paradox zueinander verhalten, also Gegensatzpaare sind: Regeln und Gesetze auf der einen Seite, Freiheit und Unordnung auf der Anderen. Die Bilder sind damit ein Abbild der menschlichen Persönlichkeit, in der sich nach der heutigen Psychologie das Bewusstsein und das Unterbewusstsein als eine Einheit darstellen. Auch hier finden sich die Gegensatzpaare Regel und Freiheit in einem Gefüge aus Zufällen. Das grundsätzliche Anliegen ist die Aufteilung in Gegensatzpaare. Der Begriff der Dichotomie liefert dazu die theoretische Basis und ist ein Hinweis auf weitere Lesarten meiner Kunst. Schon der Buddhismus thematisiert den Zusammenhang von allen Erscheinungen des Universums. Ich zitiere: “Man kann nicht vom Sommer sprechen, ohne den Winter zu kennen, ebenso gibt es keinen Tagesanbruch ohne Abenddämmerung, keinen Mann ohne Frau, keine Wärme ohne Kälte; Gegenstände können nur als kurz beschrieben werden, weil es lange gibt, usw.” In der Zen-Philosophie gehören Paradoxa zu den Methoden dem Absoluten und dem Wesentlichen näher zu kommen. Das Paradoxe ist also wesentlicher Aspekt meiner theoretischen Kunstüberlegung.


Finden sich in deinem Werk noch andere Dichotomien?
Nein, bisher nicht. Aber ich arbeite gerade an einem Konzept für eine Bildserie, die eine Hommage an den New Yorker Architekten Richard Meier werden soll, bei dem ich 1989 gearbeitet habe. Diese Bilder sollen nicht nur die Dichotomien ansprechen, die ich gerade geschildert habe, sondern auch die Dichotomien in seinem Werk. Meiers Architektur ist durchsetzt mit Gegensatzpaaren. Licht und Schatten, offen und geschlossen, geometrisch und amorph, tragend und schwebend, weiß und farbig, Landschaft und Architektur - um nur einige zu nennen.

Werden diese Bilder gewohnt abstrakt sein, oder wird es wieder konkrete Bildelemente geben?
Bei er Frage fällt mir die Sichtweise von Clement Greenberg, dem amerikanischen Kunstkritiker zu den Begriffen konkret und abstrakt ein. Nach seiner Auffassung müsste die abstrakte Kunst eigentlich als konkret bezeichnet werden, da sie nicht wie die gegenständliche Kunst etwas vorgibt zu sein, was sie im Grunde nicht ist. Die abstrakte Kunst ist konkret, weil sie uns genau das zeigt, was es ist: die Verteilung von Farbe auf der Bildfläche. Demnach müsste die gegenständliche Malerei die abstrakte sein, weil, egal wie genau sie es darstellt, es immer nur die Abstraktion von Etwas ist. René Magritte hat uns mit seinem Bild berühmten Bild mit der Pfeife ceci nést ne pas une pipe (dies ist keine Pfeife) bereits darauf hingewiesen.
Aber zurück zu deiner Frage: Die Bilder werden sowohl abstrakt als auch Gegenständlich sein, obwohl es auf den ersten Blick wie die bekannten Bilder von mir aussieht. Das Gegenständliche wird aus der Formensprache der Architektur kommen. Ich will geometrische Elemente der Architektur Meiers abbilden und diese in ein Spannungsverhältnis zur Umgebung, sprich: zur freien Abstraktion stellen. Diese Gegensätze sprechen dann die dichotomen Gegensatzpaare an.

Arbeitest du mit Symbolen in deiner Malerei?
Schon gut möglich. Aber nicht immer Bewußt. Auf keinen Fall will ich Bilder malen, die auch nur in die Nähe des Symbolismus geraten. Dazu müssten sie ja auch eigentlich Gegenständlich sein. Und das Ornamente oder geometrische Flächen und Körper symbolisch aufgeladen sind ist mir wohl bewusst, aber dazu eine klare Stellung zu beziehhen ist fast unmöglich. Das Leben ist zu komplex geworden, niemand kennt alle Symbole aller Kulturen und die geheimen Fachbegriffe und Geheimsprachen aus allen Lebensbereichen. Die Begriffe und Symbole verlieren sich in der globalen Betrachtung. Symbole habe in einem geschlossenen Kulturkreis Sinn gemacht. Aber auch die Philosophie, Mystik und Religion hat sich internationalisiert. Symbolismus in einer globalisierten Kunst ist quatsch. Außerdem haben sich die Kenntnisse der Tradition mit revolutionären wissenschaftlichen Errungenschaften so gut wie erledigt.

Wenn du mit deinen Bildern, wie du ja schon oft betont hast, nicht aussagen willst, wenn deine Bilder keine Symbole transportieren, sie also nur das sein sollen was man sieht, würdest du dich manchmal gerne in einer anderen Kunst ausdrücken wollen?
Musik ist reizvoll. - Was an Musik reizvoll ist, ist ihre unmittelbare Wirkung auf die Sinne des Menschen. Das kann die Malerei kaum so intensiv erreichen. Bild und Skulptur können sich nur visuell mitteilen. Das ist ein echter Nachteil. Andererseits gibt es genug Menschen, die sehr intensiv mit den Augen leben. Für die sind dann meine Bilder. Und Stimmungen kann man mit beiden Künsten gut transportieren.

Welche Stimmung ist dir am liebsten?
Bilder die eine große Ruhe ausstrahlen liebe ich persönlich. Obwohl ich selbst nur wenige solcher Bilder gemalt habe. Viele großartige Werke von Kollegen strahlen eine solche unglaubliche Ruhe aus, selbst wenn sie, wie von Kazuo Shigara mit extatischen Bewegungen gemalt sind.

Wie erlangen diese Bilder diese Ruhe?
Einer der sichersten Tricks: Jede Farbe in Beziehung zu viel schwarz oder viel umbra gebrannt stellen. Das geht immer.

Was ist das hier eigentlich? (zeigt auf ein Objekt an der Wand)
Ach, ich experimentiere mit einer neuen Serie die hardware heißen könnte. Es ist, oder besser: war Müll. Es ergeben sich Konfrontationen. Es vermischen sich Abfall und Kunst - Wertloses zu Wertvollem, zu Kunst. Dieser Wertetransfer scheint paradox. Eigentlich wertlose Gegenstände werden auf diesem Wege wie das Kunstwerk als Ganzes dauerhafte Gegenstände. Diese Gegenstände, die eigentlich Schmutz sind, finden Eingang in die sauberen Räume einer Ausstellung. Durch die Veredelung des Abfalls mit oxidiertem Eisen, ist das Ausgangsprodukt nur noch schwer zu erkennen. Frag mich später noch einmal dazu.

Ich muss jetzt eh los. Bis Bald.

Admin - 14:42:13 @ Allgemein