MANFRED HEINZE
 

On this website Manfred Heinze will post selected texts from his book »Onomatopoesia[Ahh]«
(in German language only - sorry)


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2017-11-20

Funktionale Skulpturen und andere Objekte (2004)

Hans Ernst: Die Malerei hat gerade mal wieder ein Hoch und genau zu diesem Zeitpunkt kommst du mit Skulpturen an die Öffentlichkeit?
Manfred Heinze: Ich arbeite schon sehr lange an diesem Projekt. Konzeptionell. Jetzt war es so weit und ich habe mich an die Realisierung gemacht. Da gab es keinen Zeitplan.

Auf jeden Fall gibt es nach langer Zeit wieder Skulpturen von dir. Kannst du von der Entstehung der Funktionalen Skulpturen erzählen und möglicherweise etwas zum Hintergrund?
Ja, es ist schon ziemlich lange her, dass ich mich mit Objekten oder Skulpturen beschäftigt habe. Funktionale Skulpturen, das klingt zunächst widersprüchlich. Aber erst einmal in Kürze, um was es eigentlich geht: Ich habe über einige Jahre hinweg Souvenirs gesammelt, die meist bekannte Bauwerke darstellen und die in der Regel von Touristen gekauft werden. Ich habe diese Mitbringsel bearbeitet und hebe sie nun auf eine höhere Ebene. Ich will damit verschiedene Dinge ansprechen. Zunächst geht es dabei um meine künstlerische Vergangenheit, die ja stark von der Architektur geprägt war. Die Frage ist: wann ist Architektur auch Kunst? Es geht um die Verknüpfung von Architektur und Skulptur und deren wechselseitigen Beeinflussungen und Überschneidungen. Es geht um den kunsthistorischen und den aktuellen Anspruch von Architektur und somit natürlich auch um die Beurteilung von Architektur, also was ist eigentlich gute Architektur, beziehungsweise, was ist architektonische Skulptur? Es geht aber auch um die Frage: was ist ein Modell - für die Architektur und die Skulptur – und: Hat ein Modell auch schon einen Anspruch darauf, sich Skulptur nennen zu dürfen? Oder anders gefragt: Was ist mit Skulpturen, die auch Modelle für etwas sein könnten? Außerdem drängt sich durch meine Behandlung der Modelle auch noch die Frage nach der Materialgerechtigkeit auf, und ich spreche mit den Modellen natürlich auch das Thema Reiseerinnerungen an. Wie du siehst, tun sich da eine Menge Fragen auf, die mich beschäftigt haben, und die ich jetzt bearbeitet habe.

Wie begann dieses Skulpturenprojekt?
Mit dem Sammeln. Im Rahmen meiner Beschäftigung mit der Architektur bin ich 1986 bei einem Flohmarktbesuch auf diese Souvenirs gestoßen. Diese Mini-Architekturmodelle von Baudenkmälern wie Eifelturm, Turm von Pisa, Empire State Building, Rom, London, Berlin. Jeder denkt zunächst bei diesen Mitbringseln an Oma oder Tante, die solche Dinger aus dem Urlaub anschleppten, und die dann auf dem Fernseher stehen oder im Regal. Ähnlich ging es mir auch, aber ich dachte mir, wenn jetzt da hundert verschiedene Modelle stehen, sieht das schon ganz anders aus. Also habe ich angefangen zu sammeln. Mitunter ganz schön peinlich in diese Souvenirläden zu gehen, um solche Dinger zu kaufen. Vor drei Jahren dann habe ich in einem Berliner Trödelladen ein Buch über eine Sammlung in den USA gefunden. Es heißt: Souvenir Buildings - Miniature Monuments. Das Architektenpaar Margaret Majua und David Weingarten hat fast 850 von diesen Kitschdingern zusammengetragen und Paul Goldberger, der Architekturkritiker, hat sogar ein Vorwort geschrieben.

Wie groß ist deine Sammlung?
Über 230 Modelle sind es zurzeit. Leider sind sie noch nie zusammen ausgestellt worden. Ich habe sie immer nur im Karton gesammelt. 175 davon habe ich jetzt in einem ersten Durchgang bearbeitet.

Wie wurden die Modelle Ausgangspunkt für deine neuen Objekte?
Wie gesagt: ich wollte schon sehr lange wieder Objekte machen. Was mir bislang fehlte war eine schlüssige Idee, ein Konzept, eine Position die meiner Arbeit entspricht und die mich interessierte. Ich hatte eigentlich genug Ideen im Kopf, aber keine konnte mich so richtig fesseln. Und da ich mit den Modellen auch schon lange etwas entwickeln wollte, da irgendwie klar war, dass eine Ausstellung der Modelle, so wie sie sind, also unbehandelt, nicht mehr in Frage kommt, lag es nahe, ein Konzept für diese Modelle zu erarbeiten.

Worum geht es bei der künstlerischen Bearbeitung der Modelle?
Das hat unter anderem zu tun mit Fragen, die ich mir selbst bezüglich meiner künstlerischen Vergangenheit gestellt habe. Meine architektonische Intention war stets eine künstlerische. Ich wollte Baukunst, also skulpturale Architektur schaffen. Die Frage war: Beeinflusste meine Kunst meine Architektur und hat umgekehrt meine Architektur meine Malerei beeinflusst?

Und?
Ja, beides. Ich habe, wenn ich Architektur entworfen habe eigentlich immer versucht, dies künstlerisch umzusetzen. Die Attraktivität der Architektur für die Kunst liegt in der unaufhebbaren Zweckgebundenheit und Funktionalität. Das faszinierte mich. Ich wollte immer auch etwas Skulpturales herstellen, über den funktionalen Aspekt  und über die rationale Gestaltung hinaus. Zurückblickend ist dies auch oft gelungen. Eigentlich war ich in meinem Selbstverständnis nie Ingenieur, sondern immer Künstler. Ich bin sogar soweit gegangen, dass ich einige Entwürfe in meinem Werkverzeichnis aufgenommen habe. Ich will damit deutlich machen, dass es hier nicht nur um die Funktionserfüllung alleine geht. Aber es gab auch Entwürfe, die ohne an Architektur zu denken, als Kunstwerk geplant waren. Ich denke da zum Beispiel an Strichdach. Das ist ein Objekt mit Funktion, es ist also auch Architektur. Es gibt hier sogar eine soziale oder politische Absicht - eher die Ausnahme in meiner Arbeit. Andere Skulpturen, wie Hochzeitsturm oder Turm haben ebenso eindeutig mit Architektur zu tun. Die Idee zu den Funktionalen Skulpturen kam mir also bei der Analyse meiner architektonischen Arbeit. Architektur war immer auch Kunst und das will sie auch immer noch sein. Deutlich wird das an meinen Entwurf für das Akropolis-Museum, der eindeutig als Skulptur gedacht ist. Die künstlerische Nähe zu den Frauenfiguren der Korenhalle des Erechtheions ist ja nicht zufällig. Diese Figuren dienen als Stützen und somit werden diese Skulpturen zum integralen Bestandteil der Architektur. Allerdings ist im Falle des Erechtheions ja auch fraglich, ob das überhaupt Architektur ist, da die Funktion auch höchst zweifelhaft ist und dieses Gebäude eigentlich ja nur ein kultisches Denkmal der religiösen Zeitgeschichte ist - also auch eine Skulptur. Die ganzen Trümmer der Akropolis sind in ihrer denkmalpflegerischen Behandlung und durch ihr Einfrieren eines Zustandes, den es in der zweitausend jährigen Geschichte der Akropolis nur ganz kurz gegeben hat, so etwas wie Skulptur geworden. Skulptur waren sie ja eigentlich auch schon vorher, nur mit einer anderen Gestalt, nämlich unzerstört und mit all ihren Funktionen. Und genau so habe ich meinen Museumsentwurf von vornherein als Skulptur aufgefasst.
Wenn also Architektur klassisch begriffen immer die “Mutter der Künste” war, und es auch immer noch sein will, dann sind diese ganzen Bauwerke, die weltweit von den Touristen besucht werden nicht nur im populären Verständnis Kunst, sondern auch kunstgeschichtlich. Nicht nur deshalb, aber auch deshalb haben diese Bauwerke alle auch etwas Skulpturales. Ein Problem trat erst auf, als die Architektur und die Skulptur getrennte Wege gehen wollten. Die Skulptur wird reine Kunst und die Architektur besinnt sich plötzlich auf ihre eigenen Qualitäten und wird für sich selbst verantwortlich. Was dann folgt ist die Postmoderne.

Es geht also auch um die Beliebigkeit postmoderner Architektur?
Eher um Pluralismus. Ich habe mit Kollegen 1990 ein Buch mit dem Titel Bauen im semantischen Raum veröffentlicht. Darin haben wir festgestellt, dass die Postmoderne feuilletonistisch zwar so aufgefasst wird, dass sich dieser vermeintliche Stil aber durchaus als Epoche begreifen kann, wenn ich die Postmoderne gleichsetze mit dem Begriff Pluralismus. Es gibt hinsichtlich des Stils keine Vorgaben mehr, und auch Moden lassen sich eigentlich nur noch schwer ausmachen. Gleichberechtigt gibt es vier architektonische Gattungen, den Konstruktivismus, den Funktionalismus, den Rationalismus und die biomorphe Architektur. Diese Gattungen existieren alle gleichzeitig und gleichwertig. Es gibt nur noch Trends, aber keine stilistischen Vorgaben mehr, so wie es das Bauhaus in den zwanziger Jahren zuletzt versucht hat. Die Moderne Architektur ist mit der berühmten Sprengung der Wohnsiedlung Pruitt Igoe von der Postmoderne abgelöst worden. Steht auch in unserem Buch. Das war bei St. Louis am 15. Juli 1972 um 15:32 Uhr. Da lässt Charles Jencks, der Architekturkritiker, die Moderne enden und die Postmoderne beginnen.

War Pruitt Igoe nicht auch ein Buchtitel von dir?
Ja, eine Zeitschrift in Buchform. Schriftenreihe zu Architektur und Theorie stand im Untertitel. Davon gab es drei Nummern. In Berlin konnte ich die Reihe aber leider nicht fortsetzen. Zurück zur Postmoderne: Es ist schwer zu sagen, wann Architektur Skulptur ist, womit wir thematisch wieder bei meinen Objekten sind. Was aber die so genannten architektonischen Wahrzeichen anbelangt, liegt also nichts näher, als meine Souvenirs zu dem zu machen, was sie sowieso sein wollen, nämlich Modelle von Skulpturen. Ich behandele diese Modelle also so, als wenn sie Entwürfe für Skulpturen wären, architektonische Skulpturen. Bezugspunkt ist die reale Architektur. Durch die Maßstabsveränderung und das Material Eisen wird das Modell nun aber selbst zum skulpturalen Modell. Der skulptural-autonome Charakter der Modelle wird durch die klassische Sockelplatzierung noch gesteigert. Dadurch wird eine neue Sicht auf die Gebäude möglich und die reale Bedeutung und die Funktion wird hinterfragt. Da die meisten Gebäude ja Funktionen erfüllen, sind sie also architektonische Entwürfe, die einen skulpturalen Charakter per se haben oder der ihnen zugesprochen wird. Daher der zunächst widersprüchlich erscheinende Titel der Objekt- Serie funktionale Skulpturen.

Hat der Sockel auch etwas mit Marcel Duchamp zu tun?
Ja, natürlich. Von Duchamp haben wir ja gelernt, was einen Gegenstand zur Skulptur macht - nämlich der Sockel. Genau das nutze ich um die skulpturale Erscheinung noch zu steigern. Der Sockel ist dabei so wichtig, da ich die Integration des Sockels in die Skulptur vollziehe. Außerdem steht die Skulptur auch im Zusammenhang mit der Idee des Denkmals. In der Architektur wurde daraus das Baudenkmal. Ob also Denkmal oder Baudenkmal, immer erinnert ein dreidimensionales Objekt an eine bestimmte Zeit oder an ein Ereignis. Auch diesen Aspekt von Raum und Zeit will ich damit ansprechen. Aber ich beziehe mich auch auf Kurt Schwitters, dessen bestreben es stets war, alle Dinge und Materialien zu Kunst zu machen. Er zeigt allerdings nicht wie Duchamp die Dinge so wie sie sind, sondern er befreit sie von den ästhetischen Rückständen und Anhaftungen, die diese Dinge so mit sich herumschleppen. Er verwischt ihre Identifikationsmerkmale und verschleiert die Spuren der früheren Verwendung. Schwitters Collagen, die Merzbilder, enthalten keine Verweise mehr auf Inhalt, Zweck, Herkunft oder Zeit der verwendeten Zeitungsausschnitte, Fahrkarten oder Verpackungsstücke. Man erkennt nur noch, was es eigentlich mal war, mehr nicht. Alle kunstfremden Elemente werden also beseitigt. Dazu kommt die Platzierung. So wie ein gewöhnlicher Stein im einen Zen-Garten eine Aufwertung durch seine Position erfährt, so sind Schwitters Dinge durch die bewusste Entscheidung der Platzierung künstlerisch aufgewertet. Und so habe auch ich durch die Eisenbeschichtung und die Sockelstellung die Herkunft der Modelle zum Verschwinden gebracht und eine künstlerische Form des banalen Souvenirs gefunden, die mit den bereits angesprochenen Fragestellungen in Beziehung treten kann.

Bis ins 19. Jahrhundert bildeten die Bildhauerei, die Malerei und die Architektur eine fast unzertrennliche Einheit. Diese Künste hatten, biologisch gesprochen, eine symbiotische Lebensform entwickelt. Architektur war mithin immer auch monumentale Skulptur. Erst dann löste sich, wie du schon sagtest, die Baukunst von der Skulptur und es entstanden Gebäude, die auf ihre Funktionalität reduziert waren und den statischen Gesetzen sichtbar folgten. Wie sieht moderne - nein, besser gesagt, zeitgemäße skulpturale Architektur denn aus? Siehst du die Architektur heute in der Nähe der Skulptur?
Ja, auf jeden Fall. Wieder, oder besser: mehr als je zu vor. Sieh dir das Guggenheim Museum von Frank Gehry in Bilbao an, oder das Jüdische Museum von Libeskind in Berlin, oder aus den fünfziger Jahren die Wallfahrtskirche in Ronchamp von Le Corbusier und aus meinem Geburtsort Duisburg natürlich das Lehmbruck-Museum, und hier besonders der Beton-, Glasbau für die Skulpturen des Bildhauers Wilhelm Lehmbruck - so, und dann erklär mir mal, wie du darlegen willst, dass das nicht auch Skulptur ist. Philip Johnson hat zu Gehrys Museum in Bilbao sinngemäß etwa gesagt: “Wenn ein Museumsgebäude so gut ist wie das, scheiß auf die Kunst”. Hier stellt sich dem Kunstwerk die Architektur als Überkunstwerk entgegen. Natürlich sind all diese Gebäude auch Hüllen gegen die Launen des Wetters und Schutz für den Nutzer und erfüllen somit elementare Aufgaben der Architektur. Und sie stellen für unterschiedliche Funktionen unterschiedliche Räume zur Verfügung. Alles Indizien für Architektur. Nur wie sie es tun, die äußere Erscheinung und die Behandlung von Oberflächen und so weiter lassen keine funktionale Erfüllung und kein Zwang erkennen - und spätestens an diesem Punkt kommt dann der skulpturale Charakter ins Spiel.
Ich denke, bestens kann ich das von den Entwürfen von Richard Meier behaupten. Meine Arbeit in seinem New Yorker Büro hat mir damals drastisch klar gemacht, das es nicht einfach um die Funktionserfüllung für ein Bürogebäude oder ein Museum ging, und auch, das es nicht einfach um Dekoration ging. Es war eben nicht nur die Ästhetisierung von Zwängen, die wir anstrebten, sondern es ging ums Ganze. Das heißt, es war die alte Symbiose von Architektur, Skulptur und Malerei im Spiel. Dies trifft auf viele Architekten zu und das ist es, was auch ich immer architektonisch machen wollte. Die aktuelle Architektur ist sehr skulptural.

Gibt es weitere Beispiele?
Ja, Beispiele aus der Kunst. Kasimir Malewitschs Skulpturen oder Objekte, die wie Architekturmodelle aussehen. Ihr Titel Architektona trägt ja auch nicht gerade dazu bei, dieses Missverständnis auszuräumen. Malewitsch reizt mit diesen Skulpturen die Grenzen der Gattungen Architektur und Skulptur bis aufs Äußerste. Diese meist vertikalen Objekte wirken ja auch wie Hochhausentwürfe und dennoch hatte Malewitsch immer nur das zweckfreie Kunstwerk im Sinn, das weder Architektur noch Städtebau sein soll. Malewitsch unterschied zwischen der zweckfreien absoluten Architektonik und der zweckgebundenen Architektur als körperlichen Ausdruck des Zwecks. Also alles andere als die klassische Symbiose von Architektur und Skulptur. Wenn ich mir dann die Hochhäuser in New York oder anderswo im Vergleich zu Malewitschs Skulpturen ansehe, dann kommt einem ja sofort die Rückkopplung: Dann sind also diese Hochhäuser, die aussehen wie Malewitschs Skulpturen eindeutig Architektur mit skulpturalem Charakter. Ein weiters Beispiel: Ganz im Gegensatz zu Malewitschs strikter Trennung von Skulptur und Architektur steht der Künstler Erwin Heerich, der mit seinen Skulpturen zunächst sehr ästhetisch nah an Malewitsch dran ist. Nur deutlich reduzierter. Die Gebäude der Museumsinsel Hombroich sind eigentlich Großskulpturen, wenn du sie mit seinen Skulpturen vergleichst, die in ein normales Museum passen, und oft nicht größer als 50 cm sind. Aber sie erfüllen auch die Bedingungen von Architektur, ja sie sind eigentlich Architektur, wenn ich das übrige künstlerische Werk von Heerich völlig außer Acht lasse. Aber dennoch, auch derjenige, der von Heerich nie gehört hat, wird anerkennen müssen, dass diese Architektur einen hohen skulpturalen Anspruch hat. Donald Judd erwähne ich jetzt nur der Vollständigkeit halber. Ich denke, der geht noch ein Stück weiter. Er hat selten architektonisch gearbeitet, aber seine Architektur ist eigentlich nur vom Kunstkenner auch als Skulptur zu erkennen. Wenn du da zufällig vorbei kommst und hast keine Ahnung, dass das von Judd ist, wirst du dir denken, das ist ein normaler Schuppen und eine Pergola und es wahrscheinlich nicht einmal besonders beachten. Auch Frank Stella hat sich Anfang der 90er Jahre dazu bekannt, sich in Richtung Architektur weiterentwickelt zu haben. Er sah sich als ein Künstler, der aus dem Atelier heraus geht. Er hat Fassaden gestaltet, aber auch bestehende Gebäude umgebaut. Somit kommen wir dann wieder zur Gretchenfrage: Was ist skulpturale Architektur?

Die meisten Gebäude, die du darstellst, sind ja bekannt, aber was ist mit denen, die mir auf den ersten Blick wie ganz normale Häuser vorkommen?
Wie ich gerade fragte: Was ist skulpturale Architektur? Bei den Profanbauten fängt es jetzt an interessant zu werden. Wer maßt sich eigentlich an, zu entscheiden, wann ein Gebäude Baukunst, also auch Skulptur ist und wann nicht. Hier geht es jetzt um Kunstgeschichte, Kunstkritik, das Urteil selbst ernannter Kunstkenner und natürlich um den populären Geschmack.
Der Architekturtheoretiker Jürgen Pahl hat mal eine Definition vorgeschlagen, die ich eigentlich sehr überzeugend finde, die aber trotzdem einen kleinen Knackpunkt hat. Er sieht die skulpturale Architektur als eine fünfte architektonische Gattung gleichberechtigt neben Konstruktivismus, Funktionalismus, Rationalismus und biomorphe Architektur. Er sieht die skulpturale Architektur also als eine eigene architektonische Ausdrucksweise, die völlig ungebunden ist hinsichtlich Materialwahl, Geometrie und so weiter, und natürlich muss sich diese Architektur auch auf nichts beziehen. Sie kann losgelöst und für sich selbst existieren. Sie folgt ausschließlich den Intuitionen des Künstlers oder des Architekten, je nachdem. Sie ist also darauf aus, die notwendigen Volumen plastisch zu formen. Jetzt zum Knackpunkt: Theoretisch ist das alles sehr richtig. Gerade was die architektonische Ausdrucksweise und die Referenzen anbelangt. Aber, diese Definition passt wohl auf alle Gebäude der Moderne und welcher Architekt wird nicht von seiner Arbeit behaupten, dass er ihr ein ausdruckstarkes Äußeres verpassen wollte.
Das bedeutet dann, dass die meisten Architekten von ihrer Arbeit behaupten werden, Baukunst zu betreiben und skulpturale Architektur entworfen zu haben.
Deshalb habe ich ganz bewusst auch so genannte profane Architektur oder Gebrauchsarchitektur und Nutzbauten verarbeitet und diese auf eine Ebene mit den kunstgeschichtlich anerkannten Bauwerken gestellt. Sieh dir die Fotoserien von Bernd und Hilla Becher an. Das sind Industriebauten, die nichts weiter als gebaute Funktionserfüllung sind, und doch haben die Bechers diesen Gebilden einen skulpturalen Charakter verliehen. Sie haben einmal von ihren Motiven gesagt, es seien “anonyme Skulpturen” - eine wirklich großartige Auffassung. Prominent / Anonym - erst diese Durchmischung macht deutlich, dass, egal welches Gebäude gemeint ist, immer ein Gestaltungsprozess notwendig ist, selbst wenn er durch die Funktionserfüllung stark beeinflusst ist. Es gibt da jemanden, der versucht hat, ein möglichst gutes Gebäude zu entwerfen. Inwieweit das gelungen ist, muss immer der Betrachter selbst entscheiden - wie bei Gemälden. Ein Blick in Architekturzeitschriften zeigt, dass auch die einfachsten Gebäudetypen in den Stand der Baukunst erhoben werden. Mit einfachsten gestalterischen Mitteln, was ja oftmals das Schwierigste ist. Diese Mischung von berühmt und anonym ist auch der Grund, warum die Objekte keinen Titel haben. Letztendlich spricht jedes Objekt für sich, egal ob es der Eifelturm oder ein Bauernhaus aus der Toskana ist.

Kannst du vielleicht an dem einen oder anderen Gebäude klar machen, wie sich der skulpturale Charakter zeigt? Ich meine, wann ist ein Bauwerk nur Skulptur und wann ist es auch Skulptur?
Allgemein erst einmal: Wenn Kunst nach heutiger Definition alles sein kann, dann kann auch Architektur Kunst sein. Also auch Skulptur. Eigentlich sind Bauwerke aber immer Mischformen. Architektur und zugleich Skulptur, oder Skulptur, die auch architektonische Qualitäten hat. Die Siegessäule in Berlin beispielsweise. Von weitem betrachtet ist sie nur Skulptur. Aber im inneren gibt es im Sockel einige Räume und natürlich die Treppe, die auf die Aussichtsplattform führt. Ebenso das Marine-Ehrenmahl in Laboe von Munzer. Mit einer unglaublichen Dynamik steigt dieser Ziegelturm in die Höhe und erreicht locker Hochhausdimensionen. Bei diesem Gebäude ist die Gattungszugehörigkeit noch schwerer festzulegen. Beim Jüdischen Museum von Libeskind glauben wir zunächst klar sagen zu können, das ist Architektur. Niemand wird indes bestreiten, dass es beim zweiten Blick, wenn nicht schon beim Ersten, auch eine Skulptur ist. Die hohen, leeren Türme im Inneren des Museums, die Voids, sind extrem bedeutungsgeladene Leerräume, die sofort die Gattungsfrage aufkommen lassen: Sind diese Räume funktionslose Architektur, sind es funktionale Räume, die nur sehr hoch sind, also auch auf eine räumliche Wirkung abzielen, oder sind sie eine begehbare Skulptur? Und jetzt noch Richard Meiers Architektur. Das Stadthaus in Ulm beispielsweise: Hier lässt sich der skulpturale Charakter gut an den freien Fassaden beschreiben. Sie schwebt weit vor der eigentlichen tragenden Struktur. Aber nicht nur die Trennung an sich ist interessant, das machen ja viele Architekten, die Art und Weise wie die Wandscheiben und die flying- beams, die frei schwebenden Balken, einen imaginären Luftraum umschließen und das Volumen formen oder ergänzen, das ist skulptural. Du siehst, die Trennung der Gattungen ist kaum zu vollziehen. Sehr viele Gebäude haben eben eine zwischen Architektur und Skulptur changierende Qualität.

Was ist mit den Kollegen, die sich als Künstler mit Architektur auseinandersetzen?
Na, was soll schon mit denen sein? Die machen das gleiche wie die Architekten, die machen auch Kunst, nur aus einem anderen Blickwinkel und ohne den Zwang zur Funktionalität. Vielleicht sollten wir die Beziehung von Kunst und Architektur neu sehen lernen. Die Geschichte der Architektur seit 1900 ist eigentlich Kunstgeschichte. Der russische Konstruktivismus und der Kubismus beherrschen die Erscheinungsformen der Architektur bis heute. Dies wird nicht immer sofort deutlich, aber es existieren eigentlich nur wenige architektonische Ideen, die nicht im Zusammenhang mit diesen beiden Kunstrichtungen zu sehen sind. Die Künstler, die sich mit Architektur auseinander setzten, arbeiten lediglich in einer sehr komplexen Abteilung der Kunst. Der wohl Bekannteste dürfte Gordon Matta-Clark sein, der auch gelernter Architekt ist. Er hat in bestehende Architektur eingegriffen und sie in ihrer skulpturalen Wirkung gesteigert, oder sie erst zur Skulptur gemacht. Seine Spaltungen und Schnitte sind nun nur noch als Fotos, Filme und Zeichnungen zu sehen, da alle Gebäude, die er bearbeitet hat zum baldigen Abriss bestimmt waren. Die von ihm bearbeiteten Häuser verlieren mit ihren Einschnitten und Öffnungen den Funktionszusammenhang, bei dem man Innen und Außen klar trennen kann. Gleichzeitig gewinnt das Haus aber eine neue Eigenständigkeit als reine Skulptur, indem es unbenutzbar wird. Ich finde, diese Arbeiten gelten zu Recht als die Eindringlichsten hinsichtlich des künstlerischen Umgangs mit Architektur. Nichts anderes mache ich. Ich will einen künstlerischen Umgang mit Architektur.

Sind die Modelle nicht schon Skulpturen, die für sich stehen, ohne auf die Architektur als Skulptur noch aufmerksam machen zu müssen?
Ja und nein. Einerseits stelle ich diese Modelle als eigenständige Skulptur, beziehungsweise Objekt dar, andererseits diente ein Modell immer schon dem Architekten, dem Bauherrn und den Handwerkern als anschauliche Gesamtdarstellung des zukünftigen Gebäudes. Es war immer dazu dar, einen Eindruck der ästhetischen Qualitäten zu vermitteln. Das Modell war somit Repräsentant für die bauliche Realität, und es war Entscheidungshilfe und diente der Kontrolle der Ausführung. Früher war es auch Vertragsbestandteil und oftmals sogar Grundlage für die Arbeit der Handwerker. Und so möchte ich in zweierlei Hinsicht auch diese Modelle verstanden wissen. Erstens als Entwurfsmodelle, nur mit dem Unterschied, das ich schon deutlich machen will, dass diese Architektur etwas Skulpturales darstellen soll. Im Übrigen ist das Modell eine Art Schnittstelle zwischen der funktionslosen Autonomie einer Skulptur und der Zweckgebundenheit der realisierten Architektur. Im klassischen Architektur- und Skulpturverständnis ist das Modell nur als planerische Vorstufe zu einer späteren Umsetzung in die Realität zu verstehen. So begreife ich zweitens diese Modelle, die in ihrer Erscheinung als Eisenguss und mit Sockel ja was eindeutig Skulpturales haben, bereits als Endstufe der Arbeit, als abgeschlossenes Werk. Diese Modelle suggerieren zwar eigentlich, das sie das Vorbild liefern, nach dem ein Bauwerk gebaut werden kann, da sie aber größtenteils Nachbilder bestehender Bauwerke sind, stehen sie eigentlich nur noch für sich. Die Tatsache, dass einige der Modelle nicht bestehende Bauwerke sind, verkompliziert und verwirrt diese Aussage etwas, es ändert jedoch nichts an der Intention, dass diese Modelle auch für sich selbst sprechen.

Gibt es für das Aussehen der Modelle auch eine Erklärung? Ich meine, warum sind nicht alle Modelle weiß, wie meistens bei Architekturmodellen? Warum sehen die so aus, als wären sie aus rostigem Eisen? Oder sind sie tatsächlich aus Eisen?
Nein. - Ja doch eigentlich schon. Die sind so wie ich sie gekauft habe, also aus Steinguss, Kunststoff oder Metallguss, einige sind auch aus Glas. Ich hab ́ sie dann mehrfach mit Eisen beschichtet und mit einem Oxidationsmittel behandelt. Der Rost ist also echt, sitzt aber nur auf einer sehr dünnen Eisenschicht.

Ist das nicht seltsam, wenn die Eisenschicht nur sehr dünn ist?
Was ist daran seltsam? Was ist mit Kunstobjekten, die vergoldet, versilbert oder verchromt sind?
Kein Mensch käme auf die Idee die für seltsam zu halten, obwohl sie auch nicht massiv sind. Die edel glänzende Oberfläche legitimiert scheinbar die Beschichtung, deren Dicke meist nur einen Bruchteil meiner Eisenbeschichtung misst. Meine Objekte sind eben “vereisent”. Allgemein zum Aussehen der Objekte kann ich sagen, dass die Rostfarbe zunächst nur ästhetische Gründe hatte. Ich wollte auf jeden Fall alle Gebäude gleichartig darstellen. Es hätte also auch weiß, schwarz oder eine andere Farbe sein können, aber ich mag dieses schmutzige Orange von Rost sehr gerne, und die Oberfläche hat eine schöne, differenzierte Struktur. Außerdem kommt im Titel der Serie ja das Wort Skulptur vor, und ich finde, Skulptur, und gerade die zeitgenössische Skulptur, kann man sehr gut mit Eisen und Rost in Verbindung bringen. Und da gibt es noch einen Verweiß auf das Trompe-l ́œil. Bei Objekten wurde daraus das combine painting, das vor allem Robert Rauschenberg pflegte. Die Technik der Augentäuschung zeigte sich dabei im Objekt, das zu einem Scheinobjekt wurde. Das trifft meine Intention zwar nicht, aber eine Parallele ist zu erkennen.

Wir haben noch nicht über den Aspekt der Reiseerinnerungen gesprochen. Das Thema scheint mir sehr nahe liegend. Wie ist hier deine Position?
Diese Objekte sind natürlich auch Erinnerungen an ferne Reisen oder sie stellen Sehnsuchtsorte dar, die man kennt, ohne jemals da gewesen zu sein. Ich nutze dieses Erkennen und Wiedererkennen. Die kleinen Skulpturen zeigen Gebäude, deren tatsächliche Existenz nicht immer bedeutend ist, aber immer haben sie Ihren festen Platz im kollektiven Gedächtnis. Aber wie bei allen Erinnerungen, so legt sich auch hier mit der Zeit ein leichter Nebel über unsere Gedanken. Mit anderen Worten: unsere Erinnerungen rosten. Es gehen viele Details der Gebäude mit der Zeit in unserer Erinnerung verloren. Auch die Proportionen verändern sich im Laufe der Zeit.
Wer hat nicht schon mal die Erfahrung gemacht, dass ein Gebäude, das man als Kind erlebt hat, nun aus erwachsener Sicht viel kleiner ist als in der Erinnerung. Insgesamt könnte man also von skulpturalen Erinnerungen reden. Wann immer man Architektur beschreibt, ist diese Beschreibung auf die skulpturalen Aspekte beschränkt. Man erinnert sich an Farbe, Form, Proportion oder geometrische Besonderheiten. Die Funktion des Gebäudes ist dann meist sekundär.

Was ist jetzt mit den Gebäuden, die nicht die Liste der Weltarchitektur schmücken? Was ist mit den no-names und den Phantasiegebäuden? Was machen die mit dem Betrachter? Oder anders herum: was macht der Betrachter mit denen?
Die Gebäude, die weitestgehend unbekannt sind oder die nicht existieren, sind so eine Art Platzhalter für einen Gebäudetyp, den sich jeder vorstellen kann. Oder man hat zumindest ein Bild im Kopf von dem was es sein könnte. Diese Gebäude werden beim Betrachter unweigerlich die Frage aufwerfen: Wo steht das denn? Was ist denn das? Der Betrachter versucht diese Gebäude in seiner Erinnerung wieder zu finden, da er ja so viele andere Gebäude auch erkannt hat. Bestenfalls kommt dabei heraus, dass er meint, es schon einmal gesehen zu haben, sich aber nicht an den Ort erinnern kann. Oder, um die Unwissenheit zu verbergen, fangen die Betrachter dann an zu spekulieren: Ich glaube, das könnte das und das sein und es könnte da und da stehen.

Sagen uns die Skulpturen noch mehr?
Ja, von der Lüge in der Kunst, aber ich glaube, das führt zu weit. Der Rost erzählt auch von der Problematik der Materialgerechtigkeit in der modernen Architektur. Für Architekten war diese Frage immens wichtig. Aber wohl auch nur für den, denn die Nutzer interessieren sich für diese Frage eher selten.

Worum geht es dabei?
Es geht darum: Kann ich mir bei einem Ziegelhaus sicher sein, dass das was ich da sehe auch wirklich so ist? Bei einem alten Ziegelhaus kann ich eigentlich davon ausgehen, das die Ziegel das Haus auch tragen. Das heißt, die Ziegelwand ist massiv. Bei einem neuen Ziegelgebäude kann ich nur noch in den seltensten Fällen davon ausgehen, das der Ziegel das Haus trägt. Meistens sind zwischen der tragenden Wand und den sichtbaren Ziegeln Dämmung und Luftschicht und die Ziegel hängen an Stahlankern vor der Fassade und tragen nichts mehr, sondern Verblenden nur noch. Genau so ist das auch mit Glas-, Metall- oder Keramikfassaden, nur mit dem Unterschied, dass ich weiß, dass das Glas nicht die tragende Struktur des Gebäudes sein kann, außer bei sehr kleinen Gebäuden vielleicht. Die Frage ist jetzt, darf ich deswegen Materialien nicht verwenden, nur weil sich die Technik geändert hat, und das Material nun einen anderen Stellenwert hat? Darum dreht sich die Diskussion. Ich glaube, mittlerweile haben sich die Wogen aber geglättet und selbst ehemalige Materialgerechtigkeitsfetischisten verwenden den Ziegel ungeniert auch als Verblender. Ich versuche mit meinen Objekten aber nicht, diese Diskussion wieder anzuschieben, trotzdem stellt sich natürlich die Frage: Ist es Eisen, was ich sehe und ist der Rost echt?  

Ist die Serie mit den Souvenirs auf eine gewisse Anzahl von Objekten beschränkt, oder entwickelt sich das weiter?
Dazu habe ich bis jetzt nichts geplant. Ich habe aber das Gefühl, dass das Ende der Serie eher offen ist.

Wie ist die bildhauerische, oder allgemeiner, die künstlerische Ausbildung von Architekten?
Wird die Architektur in der Ausbildung als Teil der Kunst begriffen?
Für mein Studium an der Kunstakademie Düsseldorf gilt das uneingeschränkt. Das kann man ja wohl auch erwarten. In Essen war das erstaunlicher weise auch sehr gut. Es gab sehr künstlerisch ambitionierte Professoren die uns immer angehalten haben, uns außerhalb der Architektur künstlerisch zu bilden und uns zu betätigen. Ich habe die Ratschläge sehr ernst genommen. Theater, Literatur, Malen, Zeichnen, Kunstexkursionen und so weiter. Ich hab alles in mir aufgesogen. Eine direkte künstlerische Betreuung gab es aber nicht. Eigenengagement war hier notwendig.

Ich möchte noch etwas allgemeiner über deine Objekte, Skulpturen, Plastiken reden. Du sprichst sehr oft von Objekten, wenn du deine dreidimensionalen Arbeiten beschreibst. Sind es nicht eigentlich auch Plastiken, also im ursprünglich griechisch/lateinischem Sinne modulierte Arbeiten. Ist das eine bewusste Beschränkung?
Na ja, natürlich sind es auch Plastiken. Eigentlich sprechen ja alle nur noch von Skulptur, auch wenn sie Plastik meinen, was zwar für den deutschen Sprachgebrauch falsch ist, aber andere Sprachen kennen ja keine Unterscheidung zwischen Skulptur und Plastik. Oft sage ich also auch Skulptur. Nach Joseph Beuys ist ja Denken bereits ein skulpturaler Prozess. Meistens sind meine Skulpturen oder Plastiken aus vorgefundenen Materialien, und so ist es mir eigentlich lieber, wenn ich in diesem Fall von Objekten rede. Es gibt auch Ausnahmen, wie zum Beispiel die Skulpturen Hochzeitsturm und Turm, die ich schon erwähnte, die sind aus Stahl, oder Höhenlinien oder Der Pegel, die aus Holz gearbeitet sind. Viele andere und natürlich die Objekte von denen wir die ganze Zeit reden, sind Fertigprodukte vom Flohmarkt, aus dem Baumarkt oder sonst wo her. Sie sind zusammengefügt und teilweise farbig behandelt oder beschichtet. Deshalb sollte ich eigentlich von Objekten reden.

Dein plastisches Werk macht nur einen kleinen Teil deiner Arbeit aus. Warum ist das so?
Weil ich Maler bin - ganz einfach. Aber das schließt ja auch nicht aus, dass hin und wieder auch Objekte oder Skulpturen mich interessieren, zumal wenn sie mir thematisch besser ins Konzept passen, als ein Bild. Ich habe für unser Gespräch einige Seiten aus meinem Werkverzeichnis mitgebracht. So lässt es sich leichter über die Objekte reden. Meist entstehen die Objekte und Skulpturen, wenn ich auf Gegenstände stoße, die sich für eine Bearbeitung eignen. Selten plane ich erst Skulpturen und suche dann nach den Materialien.

Wann ist deine erste Skulptur entstanden?
Oh, dass war ganz zu Anfang meiner künstlerischen Tätigkeit. 1978 entstand die. Im Lehmbruck-Museum in Duisburg kam mir die Idee. Was ich mir dort angesehen habe, weiß ich nicht mehr, aber an die Gedanken kann ich mich genau erinnern. Ich dachte, wenn ich in Duisburg wohne, mit der größten Stahlproduktion Europas, sollte ich mich eigentlich mit Skulpturen aus Stahl beschäftigen. Fasziniert war ich aber auch vom plastischen Werk Picassos, der ja auch Alltagsgegenstände in seinen Skulpturen und Reliefs verarbeitet hat. Eine großartige Ausstellung dazu habe ich aber erst 1983 in Berlin gesehen. Und natürlich war ich von Duchamps beeindruckt. Ganz allgemein war ich davon angetan, gewöhnliche Dinge, wie eine Bierdose oder eine Waschpulverkarton zu Kunst zu erklären, indem man sie einfach auf einen Sockel ins Museum stellt. Oder aber Alltagsdinge oder Fundstücke und Müll so verändert, dass daraus ein Kunstwerk entsteht. Ich habe dann in meinem Atelier einen Wasserflaschendeckel genommen und einen Turm aus Zinn darauf geformt. Das war meine erste Skulptur. Aus Dingen, die ich im Atelier vorfand.

Aber es blieb nicht bei Stahl?
Nein, im Gegenteil. Stahl oder allgemein Metall ist eher die Ausnahme. Stein, Glas, Kunststoff, Holz, Pappe, alle Materialien kommen vor. Da lege ich mich nicht fest. Von Malewitsch oder vom Konstruktivismus inspiriert ist das Objekt plan-konvex, dass aus Plexiglas, Wollfaden, Metallplatte und Ölfarbe ist. Aus Stahl sind in der Tat nur zwei Arbeiten, aber viele Skulpturen sind mit Stahl oder Metall kombiniert. Das finde ich auch viel reizvoller. Eine sehr frühe Arbeit mit dem Titel Spirale vereint Kupfer, Glas, Keramik, und Gasbeton. Bei anderen ist nur ein kleiner Teil aus Metall. Mal der Sockel oder manchmal auch ein anders kleines Element.

Was ist das Thema deiner plastischen Arbeit?
Die Materialien sind, wie gesagt, sehr unterschiedlich und die Arbeiten sind sehr vom Experiment geprägt und ich werde Objekte und Skulpturen weiterhin als Experimentierfeld für mich nutzen. Daran hat sich eigentlich nie etwas geändert. Es ist mir wichtig, dass ich mir bei meiner plastischen Arbeit viel Spielraum lasse. Die Skulpturen und Objekte lassen nicht sofort ein Thema erkennen, wie es meine Malerei prägt. Und dennoch finde ich, dass die Arbeiten alle auf Architektur verweisen. Das liegt natürlich an meiner Architekturausbildung, und dass ich in allen Objekten auch ein Gebäude sehen kann - oder will. Obwohl die Objekte sehr unterschiedlich aussehen, auch wenn gewisse Elemente sich wiederholen, betrachte ich das Thema Architektur als Überschrift meiner plastischen Arbeiten.

Aber es gibt auch Objekte, bei denen ich das Thema deiner Malerei, also die Ambivalenz der freien und der geometrischen Abstraktion, sehr direkt erkennen kann.
Und trotzdem verweisen auch diese Arbeiten auf die Architektur oder den Raum. In der Rauminstallation System & Freiheit zum Beispiel. Hier schwebt farbig beleuchtet frei im Raum, was bei mir sonst nur auf der Leinwand zu sehen ist.
Aber auch bei anderen Werken gibt es immer wieder diesen Dialog zwischen dem Malerischen und dem Linearen. Das kleine Objekt Deckweiß zu Beispiel. Aber das beste Beispiel ist wohl die Brosche aus Gelbgold und Platin, die Komposition Nr. 431. Hier ist ein Bild direkt zum Objekt geworden.

Mal sind die Objekte bemalt, mal nicht. Wird bei den bemalten Objekten der Maler sichtbar?
Es sind wirklich nur wenige Skulpturen, die farbig bemalt sind. Und wenn, dann ist die Farbe nicht das Entscheidende, sondern immer die Form selbst. Die Malerei unterstützt dann nur noch.

Die Grenzfälle, bei denen Skulptur und Architektur sich verwischen, welchen Hintergrund haben diese Arbeiten?
Das hat immer mit den Wechselwirkungen zwischen Kunst und Architektur zu tun. Es gibt architektonische Arbeiten, die ich heute eindeutig als Kunst begreife. Meist sind dies ortsbezogene Arbeiten.

Was sind das für Arbeiten?
Das Gartentor zu einem verwilderten Waldstück: forest-gate, und Strichdach natürlich, oder die beiden blauen Wandscheiben, die frei im Raum stehen. Die sind aus Gasbeton oder Gipskarton. Eine dritte Wandscheiben ist rot, rostrot. Eine der Blauen war mit Architektur- Blaupausen beklebt, wie eine große Collage. Teilweise zu erkenne waren auf den Papierstücken Architekturzeichnungen aus meiner Architektentätigkeit. Ein Schriftzug in blauem Neon mit der Wortschöpfung Axzy gehörte zu der Arbeit. Leider ist die Wand vom Nachnutzer der Räume weiß überstrichen worden, so dass das Werk zerstört ist. Nur die Neonschrift konnte ich retten und in ein neues Wandobjekt integrieren.

Wenn ich in dein Werkverzeichnis sehe, stelle ich fest, dass einige Skulpturen und Objekte zerstört sind. Wie kam es dazu?
Lagerschäden und Transportschäden. Als ich nach Berlin zog, habe ich nicht alle retten können. Einige waren so stark beschädigt, dass eine Aufarbeitung nicht möglich gewesen wäre, ohne den ursprünglichen Charakter zu verändern, also habe ich mich von denen getrennt.

Sehr ungewöhnlich ist die Arbeit mit zwei Rosen in zwei Vasen.
Das ist die Arbeit mit dem längsten Titel, der mir je eingefallen ist: Zwei Vasen (925er Silber) auf Lama-Lederstück mit frischen Portland-Rosen (Rosa portlandica ‘Rose du Roi’) in gelb und orange. Dieses Objekt will das Gleiche wie das berühmte Bild mit der Pfeife von René Magritte ceci nést ne pas une pipe (dies ist keine Pfeife). Was du siehst ist nicht was du denkst was es ist. Alles gelogen. Mich interessiert die Lüge in der bildenden Kunst. Nun ist es sehr schwierig zu lügen, wenn man abstrakt malt. Mit gegenständlichen Dingen ist das natürlich einfacher. Wie viele Skulpturen, ein spontaner Einfall, eine Gelegenheit mit vorhandenen Gegenständen. Ein Stück rostbraunes Papier, zwei alte Seifenspender, von denen ich das Ventil abgeschraubt habe, und zwei Plastikrosen, die ich allerdings extra gekauft habe.
 
Mit den funktionalen Skulpturen hast du ja nun innerhalb kürzester Zeit sehr viele Objekte geschaffen. Gibt es trotzdem schon Pläne für weitere Skulpturen?
Eine neue Serie habe ich gerade angefangen. Der Titel ist: Hardware. Das sind die Styroporteile aus Verpackungen von Computern, Bildschirmen und anderen technischen Geräten. Aus diesen Formen mache ich Wandobjekte oder Skulpturen.

Wenn ich mir das Foto so ansehe, fallen komischerweise dein Zellen ein. Hast du schon einmal Zellen dreidimensional hergestellt? So als Relief?
Bisher noch nicht, aber: Danke! Das könnte ich durchaus einmal ausprobieren. So könnte ich die Malerei auch mit den Objekten verzahnen. Die könnte dann aus Stahl oder aber auch aus Holz sein. Und wenn ich so darüber nachdenke, kämen auch Seile in Frage.

Admin - 14:30:48 @ Allgemein