MANFRED HEINZE
 

On this website Manfred Heinze will post selected texts from his book »Onomatopoesia[Ahh]«
(in German language only - sorry)


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2017-11-20

Zäsur 23. September 2017 (2004)

Fiktives Interview im Café Leysieffer in Osnabrück, 1. Jan. 2017

Bemerkung:
Dass ich dieses fiktive Interview 8, bzw. 13 Jahre vor dem Umzugsbeschluss der Familie nach Osnabrück verlege, kann als kaum zu glaubender Zufall gewertet werden. Oder als vorauseilende Wahrheit.

Manfred Heinze: Ich habe dich zu diesem Interviewtermin gebeten, weil ich das Ende meiner öffentlichen Künstlerlaufbahn bekannt geben will. Am 23. September ist Schluss. Zäsur!

Hans Ernst: Hmm!?! Da muss ich erst einmal tief durchatmen. Warum ausgerechnet am 23. September?
Mein erstes Bild entstand genau vor vierzig Jahren am 23. September 1977. Kurioser weise ist es auch der Geburtstag meiner Tochter Lynn im Jahre 2000, aber das hat mit der Entscheidung nun wirklich nichts zu tun. Ich …

Und was hat mit der Entscheidung zu tun?
Die Zeit. Ich finde vierzig Jahre sind genug. Ich habe bis dahin etwa 8.000 Kunstwerke produziert zuzüglich etwa 2.000 Skizzen und Entwürfe und nicht verzeichnete Werke. Ich bin 58 Jahre alt und habe keine Lust mehr den Ausstellungsmöglichkeiten hinterher zu laufen. Sollten sich Institutionen melden - OK - dann stelle ich aus. Aber ich werde meinerseits nicht mehr aktiv auftreten.

Heißt das, dass du auch deine Produktion einstellst?
Nein, nein, ich werde weiterhin arbeiten. Aber im Stillen. Ich will mich nur nicht mehr um Ausstellungen, Verkäufe und Kataloge initiativ bemühen. Wenn eine Ausstellungsmöglichkeit auf mich zu kommt oder jemand mich wegen eines Bildes anspricht, so werde ich darauf eingehen. Aber vom mir aus wird nichts mehr stattfinden. Ich werde mich ganz einfach auf mein Werk konzentrieren. Ist das so abwegig?

Abwegig nicht, aber dennoch überraschend. Und ich verstehe noch nicht so ganz, warum du so handeln willst.
Weil ich immer alte Künstler vor Augen habe, egal ob nun Maler oder Musiker, die sich auch im hohen Alter immer noch zum Affen machen. Bei gealterten Musikern fällt es mir immer besonders auf. Da finden dann Supermarkteröffnungen statt und neben dem Würstchenstand gibt der früher mal berühmte Sänger Sowieso ein paar alte Hits zum Besten. Ist doch erbärmlich. Zwar kann ich den offenbar großen finanziellen Druck verstehen, aber würdevoll ist das nicht. Und genau so sehe ich alte Maler und Bildhauer, die, wie ich, den großen kommerziellen Durchbruch nie geschafft haben oder längst hinter sich haben, vielleicht noch regional bekannt sind oder nur ihren geheimen Sammlerkreis haben, und nun bei der Kuratorin einer drittklassigen, örtlichen, kommunalen Galerie eines x-beliebigen Vorortes um einen Ausstellungstermin in der Sommerpause zwischen den Ausstellungen des Fotografen des Heimatvereins und den innovativen Häkelarbeiten des Hausfrauenbundes betteln. Und dann steht dieser arme Tropf bei der Vernissage mit grauem Haar und schlecht sitzendem Anzug und in Gesundheitsschuhen mit dicker Gummisohle neben der stellvertretenden Vorortbürgermeisterin und muss freundlich lächelnd ertragen, wie sie gelangweilt seine “Erfolge” verkündet und von der Bedeutung der Werke für den Ort Dingsda, und danach dann das vermeintlich kunstinteressierte Vorortpublikum sich gähnend wieder den Schnittchen vom Fleischer aus dem Einkaufszentrum nebenan und dem Aldiwein zuwendet, sofern nicht noch die Musikschule von nebenan drei Geigenschüler geschickt hat, die ein paar Takte von Vivaldi spielen dürfen.

Jetzt übertreibst du aber. Obwohl, vorstellen kann ich mir das.
Siehst du, und genau deshalb möchte ich meine künstlerische Würde nicht antasten und beschütze mich mit meinem Rückzug selbst vor solchen Ereignissen. Zumal ich solchen Erlebnisse ja schon selbst hatte. So ähnlich zumindest.

Wo denn?
Ganz schlimm waren die Firmenausstellung 2004 bei msg systems und die Ausstellung 2010 in der kommunalen Galerie in Berlin Marzahn- Hellersdorf. Beides ziemlich schreckliche Orte. Eigentlich keine Ausstellungsflächen sondern Restflächen, die mit Kunst aufgewertet werden sollten. Und das Publikum bestand bei der Firmenausstellung nur aus kunstdesinteressierten Geschäftsleuten, die sich den nächsten Deal versprachen, und im Fall der kommunalen Galerie aus vereinzelten Rentnern, die sich die 37. Wiederholung der Lindenstraße im Fernsehen lieber nicht ansehen wollten und noch mal an die frische Luft mussten.

Was ist mit Ausstellungsangeboten, bei denen du dich dennoch einem Auswahlverfahren stellen musst? Also Begrenzte Ausschreibungen aber dennoch mit Auswahl?
Käme auf die Institution und den Rahmen an. Kann ich so pauschal nicht sagen. Wenn der Ausstellungsort gut ist - warum nicht.

Und was deinen Verkauf anbelangt? Wie wird das?
Eigentlich wie bisher. Die Kaufinteressenten kommen zu mir und ich verkaufe. Da ich bisher keine Galerievertretung hatte und nun auch keine mehr will, bleibt eigentlich alles wie bisher. Das einzige was entfällt ist die Kaufgelegenheit für Interessenten bei Ausstellungen, zumindest wenn die Ausstellungen demnächst wesentlich weniger werden.

Aber die Ausstellungen müssen doch nicht weniger werden wenn du so verfahren willst, wie du es gerade beschrieben hast.
Doch, das sehe ich schon so. Ich will dieses “Immer Mehr”, diesen Kariererausch, den viele Kollegen suchen nicht länger hinterher rennen. Ich will auch dieses oberflächliche Getue um Gewinn bringende Vermarktung nicht. Außerdem kann ich mir im Moment eigentlich nicht vorstellen, welche Institution wie auf mich aufmerksam werden sollte um mit mir Kontakt aufzunehmen. Das heißt für mich: Es meldet sich niemand bei mir, also stelle ich nicht aus. Es ruft kein Käufer an, also verkaufe ich nichts. Mir ist vollkommen bewusst, dass dieser Rückzug sich auch als Feigheit vor anstehenden Konflikten deuten lässt. Aber erstens, kann ich diese Deutungen aushalten, und zweitens, sehe ich den Rückzug nicht so, da das Konfliktpotential bei meinem derzeitigen Promi-Niveau gegen Null tendiert.

Hat das für dich wirtschaftliche Konsequenzen? Musst du dein Atelier aufgeben?
Nein, wohl ehr nicht. Ich werde mich ordnungsgemäß beim Finanzamt abmelden und steuerlich privatisieren. Mehr wird sich nicht ändern. Vielleicht wird ja mein Rücktritt selbst zum Kunstwerk, indem ich ihn entsprechend zelebriere. Wenn ich mir die Rückritte der Kunstgeschichte so ansehe, könnte man ja fast geneigt sein, von einer eigenen Kunstform zu sprechen.

Du hättest ja dann viel Zeit eingespart, die du künstlerisch irgendwie anders nutzen könntest. Hast du dir dazu schon Gedanken gemacht?
Ich bin dann frei von jeglicher Verpflichtung und werde wohl ein richtig dickes Kunstbuch mit meinem kompletten Werk veröffentlichen. Großes Format, Leineneinband mit Prägedruck und Schutzumschlag, vorne viel Text von mir und anderen Leuten die über mich geschrieben habe, eigentlich alles was ich so an Text habe, und dann im Katalogteil einige hundert Abbildungen meiner Werke und zum Schluss das vollständige Werkverzeichnis und die komplette Vita. Das alles in 250 nummerierten und signierten Exemplaren. Und natürlich mit ISBN, damit noch ein wenig Geld wieder zurück kommt und ich in der deutschen Bibliothek vertreten bin. Soviel bin ich meinem Ego schuldig, und soviel bin ich auch all jenen Schuldig, die mich all die Jahre in Ruhe haben arbeiten lassen. Uns soviel bin ich schließlich auch dem Staat schuldig, der mich über all die Jahre mit Steuergeldern unterstützt hat. Sei es durch die ermäßigten Mehrwertsteuersätze oder durch die Abschreibemöglichkeiten.

Darin wird dein “Alterswerk” aber dann keinen Eingang finden. Oder du müsstest dieses Buch später schreiben.
Das ist richtig. Aber vielleicht schaffe ich ja im hohen Alter noch einen zweiten Band. Gute Idee eigentlich, demnach müsste der erste Band auch “Manfred Heinze - Vol. I. - 1977 bis 2017” heißen. Das werde ich mir merken.

Admin - 14:18:43 @ Allgemein