MANFRED HEINZE
visual arts


BLOG

On this website Manfred Heinze has posted selected texts from his book »Onomatopoesia[Ahh]«
and he will post new texts about art and everything else.

(All texts are in German language only - sorry. To translate, copy the text and paste it into www.deepl.com)

Administration

Atom

2021-05-14

Bin ich gescheitert? – Über die Produktion von Verlusten

»Können Sie eigentlich von Ihrer Kunst leben?« Diese Frage an Künstler scheint gesellschaftlich vollkommen legitim zu sein. Niemand würde sich trauen, diese Frage einem Arzt oder Rechtsanwalt zu stellen, die ja durchaus ebenso vergeblich auf Patienten oder Klienten warten könnten. Aber so kritisch man die dreiste Frage auch sehen mag, so kann nicht darüber hinweggesehen werden, dass nur etwa ein Prozent der freischaffenden bildenden Künstler von der Kunst leben können. Sofern die Zahl nicht von den Befragten aus Scham oder Fehleinschätzung geschönt ist, und es real noch weniger sind, die auskömmlich, oder zumindest die Kosten deckend künstlerisch arbeiten. Insofern bin ich mit meinen vielen Kollegen in guter Gesellschaft. Wie die Künstlerkollegen im Einzelnen ihr Leben finanzieren ist so vielfältig wie die möglichen Farben zum Malen. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.

»Niemand von uns ist Künstler geworden, um Reich zu werden.« Und obwohl jetzt fünf Euro fürs Phrasenschwein fällig werden, ist diese Aussage sowohl richtig als auch innerhalb dieses Textes notwendig. Wobei halbwegs würdig zu leben ja noch nicht Reichtum bedeutet. Eine Zeit lang habe ich behauptet, ebenfalls von der Kunst leben zu können. Ich habe einfach meine zehn Jahre Architektentätigkeit, die recht lukrativ waren, der Kunst zugeschlagen. Das war nicht so ganz verkehrt, da ich ja eigentlich Architektur studiert habe, weil sie als die Mutter der Künste gilt, und ich dachte, dass dieses Wissen mir in künstlerischer Hinsicht hilfreich sein wird. Aber, nur auf meine Malerei schauend ist zuzugeben: Nur eine kurze Phase in den 1990er Jahren war auskömmlich. Damals entstanden einige, nahe am dekorativen vorbei schliddernde Bilder in wohnzimmertauglichen Formaten der Werkgruppe »Dichotomie«.

So, wie gehe ich heute mit der Erkenntnis des Scheiterns um? Bin ich überhaupt gescheitert, nur weil ich meine Bilder nicht verkaufen kann?
Mein Scheitern betrachte ich tatsächlich nicht als künstlerisches Scheitern. Dazu habe ich von Kunstinteressierten, Kollegen und Kunstbetriebsmenschen zu viel Anerkennung erlangt. Über 300 Ausstellungen in Museen, Kunstvereinen, Galerien und anderen kunstaffinen Orten mit insgesamt mehreren tausend Besuchern sprechen für sich. Gescheitert bin ich höchstens in wirtschaftlicher Hinsicht. Letzten Endes hat es über die gesamte Zeit von 1977 bis heute trotz einiger Verkäufe nicht einmal für Studiokosten und Material gereicht. Aber offenbar ist die bildende Kunst damit nicht alleine.
Verluste scheint die Kunst mit Vorliebe zu produzieren. Oder anders ausgedrückt: Die Gesellschaft ist nicht bereit einen angemessenen Preis in ausreichender Menge für Kunst ganz allgemein zu bezahlen. Oper, Theater, Ballett, klassische Musik, Jazz, Off-Kino und viele andere, alle sind auf Zuschüsse der öffentlichen Hand angewiesen. Ob in Form direkter finanzieller oder materieller Unterstützung oder durch steuerliche Erleichterungen. Da ist die bildende Kunst in prominenter Gesellschaft. Und da schon Wilhelm Busch wusste: »Oft findet man wen der Bilder malt, selten den der sie bezahlt.« (Schon wieder fünf Euro fürs Phrasenschwein), produziere daher auch ich mit meiner Kunst Verluste. Muss ich deswegen ein schlechtes Gewissen haben? Muss ich mich schämen, über all die Jahre dem Finanzamt gegenüber mit den Verlusten meine Steuerlast gesenkt zu haben? Ich meine nein. Da der Staat diese Möglichkeit explizit für die Kunst bietet, sind meine Steuererklärungen von staatlicher Seite her so gewollt und offenbar auch gesellschaftlich anerkannt. Mit ist jedenfalls bisher keine öffentliche Empörung in dieser Hinsicht aufgefallen. Die freie Kunst steht ja auch nicht ohne Grund schon jetzt unter dem besonderen Schutz des Grundgesetzes. Darüber hinaus soll Artikel 20 des Grundgesetzes um einen Abschnitt b mit dem Wortlaut „Der Staat schützt und fördert die Kultur“ ergänzt werden. Kunst ist eine Lebensnotwendigkeit für Menschen in aufgeklärten und toleranten Gesellschaften (diese Lebensnotwendigkeit zeigte sich sehr eindringlich während des Lockdowns der Corona-Pandemie). Und genau so, wie immer wieder auch Wirtschaftsbetriebe subventioniert werden, erhält auch die Kunst ihre notwendige Unterstützung. In diesem Sinne ist die Kunstproduktion nicht nur kulturelle Daseinsvorsorge, sie ist eine gesamtstaatliche Gemeinschaftsaufgabe und somit eine Gesellschaftsleistung. Aus diesem Staatsziel mit Verfassungsrang erwächst demnach diese gesellschaftliche Verpflichtung mit Gemeinwohlorientierung (Public Value). Kunst zu ermöglichen ist eine gesellschaftliche Pflichtaufgabe, also eine Pflichtaufgabe der Kommunen und Länder. Demzufolge hat die freie Kunst Systemrelevanz.

Dass wirtschaftliches Scheitern im Kunstbetrieb die Regel ist, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass mit Kunst gesamtwirtschaftlich Milliarden umgesetzt werden. Denn die Toilettenaufsicht im Theater, der Nachtwächter im Museum, die Kunstspediteure, Künstlerfachmärkte, Studiovermieter, die Stromlieferanten und alle anderen, die in irgendeiner Weise mit dem Kunstbetrieb zu tun haben, verdienen daran. Von der Allgemeinheit bezahlt. Denn nach der ökonomischen Regel: »There ain´t no such thing as a free lunch« gibt es eben auch Kunst nicht umsonst (und schon wieder fünf Euro fürs Phrasenschwein). Der Steuerzahler hat also für die Kunst bezahlt.

Insofern relativiert sich das wirtschaftliche Scheitern, und verkehrt sich für den Kunstbereich für den Künstler in wirtschaftliche Normalität. Demnach liegt ein Scheitern nicht vor. Auch für mich nicht. Und künstlerisch sowieso nicht.

Admin - 08:00:58 @ Allgemein