MANFRED HEINZE
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On this website Manfred Heinze has posted selected texts from his book »Onomatopoesia[Ahh]«
and he will post new texts about art and everything else.

(All texts are in German language only - sorry. To translate, copy the text and paste it into www.deepl.com)

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2020-08-20

EiBrot

EiBrot
Ein zeitbasiertes und dokumentarisches Konzeptkunstprojekt von Manfred Heinze

(von Hans Ernst)

Die künstlerischen Ausdrucksformen des Menschen sind oft zeitbasiert: Die Sprache, die Musik, also Theater bis hin zum Radio, Film und Performance. Aber auch in der visuellen Kunst wie der Malerei, der Fotografie und der Objektkunst kommen zeitbasierte Themen vor, wie ich später an einigen Beispielen erläutern will. In diese Reihe der zeitbasierten Kunst reiht sich nahtlos das Projekt „EiBrot“ von Manfred Heinze ein.

Voraussetzung ist, dass Medien, und hiermit sind neben den darstellenden Künsten im Folgenden immer auch die bildenden Künste gemeint, technisch oder physisch aufbewahrt werden und die, besonders bei den darstellenden Künsten, flüchtigen Ereignisse einer wiederholten Rezeption zugänglich bleiben. Diese Aufbewahrung ist zum einen natürlich von großem archivarischem und wissenschaftlichem Interesse. Dies scheint zunächst für die Malerei einfacher zu sein als bei den übrigen Medienkünsten. Sind die künstlerischen Ereignisse singulär, so werden sie wiedererlebbar, wenn auch der zeitliche und räumliche Kontext der ursprünglichen Rezeption entfällt, aber auch wird das zeitliche Werk zum Dokument der Vergangenheit. Die Aufbewahrung führt aber zum anderen auch zu Kunstformen, die die Dokumentation und die Formung der Zeit zu ihrem eigentlichen Hauptthema erklären.

Hinsichtlich der Dokumentation von Zeit und Zeitablauf verweise ich auf vier bildenden Künstler, die sich über teils sehr lange Zeiträume mit dem Thema Zeit befasst haben.

Peter Dreher malte in seiner Serie „Tag um Tag guter Tag“ seit 1972 bis heute das immer gleiche Wasserglas vor immer gleichem Hintergrund in Öl auf Leinwand in Originalgröße. Die Anordnung dieses Stilllebens steht an immer gleicher Stelle im Atelier, nur die Lichtverhältnisse ändern sich im Laufe des Tages und im Laufes des Jahres. Dreher dokumentiert so das Thema Zeit und Wiederholung indem er uns die Leinwand, das Glas, den Hintergrund, die Beleuchtung und die fast tägliche Wiederholung zeigt. Und wie bei allen zeitbasieren Werke spielen Aspekte der Vergänglichkeit, Zeitlichkeit und Wahrnehmung eine wichtige Rolle.

Roman Opalka begann 1965 auf einer 196 x 135 cm großen Leinwand mit weißer Farbe in die obere linke Ecke mit einem Pinsel der Größe „0“ die Ziffer „1“ zu malen. Er malte daraufhin bis zu seinem Tod 2011 eine durchgehende Zahlenreihe, die nach 233 Bildern mit der Zahl „5.607.249“ endete.

Hanne Darboven schuf ihre immer sehr ähnlichen, an Kalender erinnernden Werke zu Themen der Geschichte, um sich des weitgehend unbewussten Zeitflusses mit all seinen Informationen und Nachrichten zu vergewissern. Mit ihrer Arbeit wollte sie jeden Tag zu einem eigenständigen Individuum werden lassen.

Und schließlich noch On Kawara, der ab 1966 seine Serie „today“ begann, soweit möglich täglich das Datum in der jeweiligen landesüblichen Schreibweise in dem sich befand, auf Leinwand fest zu halten. Er war auch mit anderen Werken stets bemüht, die zeitliche Dauer und den räumlichen Aufenthalt seines Lebens in Kunst zu transformieren. So setzte er sich mit dem Verstreichen von Zeit auseinander. Es sei „(…) eine Art Meditation, eine Übung, die nützlich ist, um sein Ich zu verlieren.“ erklärte On Kawara sein Tun.

Diese vier Beispiele sollen verdeutlichen, dass künstlerische Aussagen stets aufs Engste mit den persönlichen Wahrnehmungen verbunden sind. Das Bestreben der Künstler, sich ein Bild von der Zeit zu machen und die eigenen Betrachtungen, Beobachtungen und Gedanken in visuell erfahrbare Welten zu überführen und zu übersetzen, sei es in Bildern, Töne oder Zeichensysteme, begleitet uns bei der zeitbasierten Kunst aufs engste. Zeit und Zeitwahrnehmung, so individuell sie auch sein mögen, erscheint eingefroren als Kunstwerk in einem vollkommen anderen Licht. Dieses Festhalten der Zeit als prozessuale Kunstform kommt eine besondere Bedeutung zu, da der Großteil der bildenden Kunst vielleicht noch ein Ereignis der Vergangenheit darstellt beziehungsweis abbildet, sich aber nur sehr selten mit der Zeit an sich beschäftigt.

In diesem Kontext ist auch die Werkgruppe „EiBrot“ von Manfred Heinze einzuordnen. Laut seinen Angaben begann die Serie im Grunde bereits cirka 1960, ohne dass sie in irgendeiner Weise dokumentiert worden wäre. Manfred Heinze war damals cirka ein Jahr alt und die Mutter bereitete für ihren Sohn eine Scheibe weiches Weißbrot, sogenanntes Pottweck (es handelt sich dabei um eine regionale Weißbrotspezialität vom Niederrhein, die in einem Topf gebacken wird). Dieses Weißbrot wurde mit Butter bestrichen und ein weiches, gekochtes Ei wurde in kleine Stücke zerteilt auf dem Brot verteilet. Die Mutter schnitt nun das Brot in kleine Quadrate, die ihr Sohn nun selbständig mit einer Kindergabel aufnehmen und essen konnte. Diese ersten Eibrote gab es überwiegend Samstags und Sonntags. Mit zunehmendem Alter, so etwas ab der Schulzeit gab es für Manfred Heinze dann auch Mittwochs ein EiBrot. Zumindest das Wochenendritual hat Manfred Heinze bis heute beibehalten. Aber auch an Feiertagen oder im Urlaub frühstückt Manfred Heinze ausschließlich EiBrot.

„Papa, mach doch mal Kunst mit deinem EiBrot.“ Aus diesem Satz seiner Tochter Lynn entwickelte Manfred Heinze 2008 schließlich die Idee, das persönliche EiBrot in den Kunstkontext zu überführen. Daraus wurde ab etwas 2010 eine zunächst noch sehr lückenhafte Fotosammlung von mit Ei belegten Broten. Auch Fotos von Freunden und Bekannten sowie fremde Urheber, die von dem Projekt hörten, ergänzten die Sammlung. Seit etwa 2019 dokumentiert Manfred Heinze kontinuierlich seine EiBrote mit einem Foto von dem Tag, an dem er sich selbst ein EiBrot zubereitet oder in einem Restaurant für ihn zubereitet wird. Daher könnte man ab diesem Moment im Sinne von Bernd und Hilla Becher auch von konzeptueller Fotografie sprechen.

Wie auch bei anderen zeitbasierten Kunstwerken, so sind auch in diesem ungewöhnlichen Projekt alle Aspekte von prozessualer Kunst enthalten. Diese zeitbasierte Dokumentation der einerseits individuellen, aber in der Wiederholung verhafteten, einseitigen Nahrungsaufnahme und dessen fotografischer Bewahrung zeigt uns über die jedem Bild individuelle Zuordnung durch das Datum des jeweiligen Eibrotes die Zeit an sich und den Zeitverlauf. Manfred Heinze vergewissert sich so dem eigenen Alter und des eigenen Zeiterlebens, der eigenen Zeitwahrnehmung. Der Zeitfluss über ein Menschenleben hinweg wird so sichtbar. Auch wenn die ersten 50 Jahre EiBrot nur noch für Manfred Heinze selbst in seiner Erinnerung verankert sind, so vermitteln auch die ausschnitthafte Präsentationen des Projekts mit dem Wissen um den vollständigen Zeitraum seines Lebens ein Bild davon, wie die Zeit vergeht. Und da zumindest die Fotodaten und die Präsentation auf der Plattform Instagram (zu finden unter der Adresse »eibrot«) auch den Ort der Foto- und der Nahrungsaufnahme festhält, kann auch bei EiBrot von dem Bemühen gesprochen werden die zeitliche Dauer und den Raum in Kunst zu transformieren. Es ist weniger die individuelle Erscheinung eines Eibrotes, was die Dokumentation interessant macht. Ein EiBrot sah auch vor 30 Jahren aus wie ein Eibrot heute, lediglich kleine Details verändern sich. Mal ist es ein Weißbrot, mal ein Grau- oder Schwarzbrot. Die Teller haben ein Muster oder auch nicht. Das Besteck, sofern zu sehen, variiert im Design. Beilagen wie Tomate, Paprika, Fleisch, Fisch oder Obst ergänzen das EiBrot. Und vor allem ändert sich die Zubereitung der Eier. Rührei kommt in der Serie EiBrot genauso vor wie Spiegelei oder eben gekochtes Ei in hart oder weich. Interessant ist die Dokumentation an sich, und wie bei allen Zeitarbeiten die konsequente Wiederholung, die Beharrlichkeit und die Ausdauer der prozessualen Repetition dieser zeitbasierten Werke. Dies gilt in gleichem Maße auch für seine Werkgruppe Zellen/Cells. Manfred Heinze hat für sich, obwohl für die ersten 50 Jahre unbewusst, ein im Gesamtzusammenhang der zeitbasierten Kunst eigenständiges Werk geschaffen, dass mit seinem eigenwilligen Thema auf wundervolle Weise Zeit darzustellen in der Lage ist.

Und dass es der damals 7-jährigen Tochter bedurfte, um dieses Projekt zu initiieren zeigt uns, wie sehr Manfred Heinze durch seine Gewöhnung an das Ritual EiBrot im Laufe der Zeit erst garnicht bemerkte, dass er an jedem Wochenende ein Kunstwerk vollbrachte. Diese Gewöhnung an alltägliche Abläufe prägen uns alle. Und sie sind so schön verlässlich, und damit vertraut, so dass wir sie nicht vermissen möchten, sie aber auch kaum auffallen. Und gerade dieser Zustand bildet im Verlauf der Zeit eine Konstante, die ganz genau die um sie herum verstreichende Zeit repräsentiert.

Da uns EiBrot im Grunde nur mit den Begriffen Zeitverlauf, Wiederholung, Gewohnheit und Verlässlichkeit konfrontiert, war es Manfred Heinze wohl ein Anliegen uns dies genau so zu erklären. Immer wieder wird er auf das einzelne EiBrot bezogen in verschiedenen Veröffentlichungen folgendermaßen zitiert: „Wichtig ist die Ästhetik, die Farbigkeit, die Proportion und die Einbindung in der Zeit der EiBrot-Komposition. Ansonsten will das EiBrot nichts verändern, nichts kritisieren und nichts weiter thematisieren. In diesem Projekt ist das Ei kein Symbol für beginnendes Leben, das Brot ist kein Symbol für das Menschsein oder die von Menschen gemachte Dingwelt oder gar göttliches Symbol, und das Verspreisen des EiBrots ist auch kein Vanitasmotiv. Es ist nicht erotisch und nicht politisch. Ein EiBrot ist ein Brot mit Ei, immer ein kleines Kunstwerk, wunderschön und lecker - mehr nicht.“

Das Manfred Heinze in seinem Text „Warum EiBrot“ behauptet, ein Programmierfehler in seinem Gehirn sei schuld an dem regelmäßigen Verzehr von Eibroten, darf getrost als einer seiner ironischen Texte zu Leben und Kunst gesehen werden. Ist doch die oben erwähnte Geschichte zur Entstehung vom EiBrot hinreichend durch die Mutter persönlich bestätigt.

Anlässlich der Eröffnung der Ausstellung „EiBrot“ in der Stadtgalerie Osnabrück 2017 befasste sich der Redner der Einführung Dr. phil. Andreas Brenne, Professor für Kunst und Kunstpädagogik an der Universität Osnabrück, über den zeitlichen Aspekt des Projekts hinaus auch mit der Einordnung in den kunst- und kulturhistorischen Kontext. Dazu meint er: „Eibrote stehen für eine ganze Lebenswelt, das EiBrot ist ein markantes Symbol der bundesdeutschen Alltagskultur. (…) Und es zeigt sich, dass die Kunst etwas leisten kann, was der kulturgeschichtlichen Analyse verschlossen bleibt: die bildnerische Artikulation und Reflexion von als bedeutsam erachteten Phänomenen. (…) Diese Art der künstlerischen Forschung und künstlerischen Inszenierung braucht den Anderen, das Gegenüber, um dem Sachverhalt auf den Grund zu gehen. (…)
Noch einige Bemerkungen zum ikonologischen und ikonographischen Kontext. Die Thematisierung von Essen als Nahrung, Ritual und Destinktionsmittel ist so alt wie die Kunst. Die Höhlenmalerei, die religiösen Speisungen der mittelalterlichen Ikonen,  aber auch die niederländische Genremalerei sowie die Fallenbilder Daniel Spoeris sind wichtige Wegmarken und demonstrieren Nahrungsaufnahme als sinn- und identitätsstiftende Handlung. All diese Aspekte sind implizit präsent, und es ist zu hoffen, dass alte Traditionen neu belebt oder gar erweiternd fortgeschrieben werden. Denn Eibrote sind dergestalt, dass sie es längst verdient haben, in die Sphäre der Kunst gehoben zu werden. Eigentlich ein Wunder, dass sie nicht schon viel früher entdeckt worden sind.“

Admin - 08:18:42 @