MANFRED HEINZE
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On this website Manfred Heinze has posted selected texts from his book »Onomatopoesia[Ahh]«
and he will post new texts about art and everything else.

(All texts are in German language only - sorry. To translate, copy the text and paste it into www.deepl.com)

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2017-12-20

Absurditäten und Skurrilitäten im Werk von Manfred Heinze (2013)

Im Grunde stellt sich das Werk von Manfred Heinze als ein sehr homogenes dar, mit fest abgegrenzten Werkgruppen und eindeutig wiedererkennbaren Alleinstellungsmerkmalen. Besonders hervorzuheben sind da die Zellen. Wie sonst nur wenige malerische oder zeichnerische Elemente der zeitgenössischen Kunst sind sie als eine singuläre Erscheinung derart auffallend, dass sich eine simple Nachahmung, ja selbst die Interpretation sofort als billige Kopie entlarven würde. Nun ist es um so erstaunlicher, dass Manfred Heinze immer wieder eine vollkommen andere, meist skurrile Richtung einschlägt, die zwar immer nur eine temporäre Erscheinung ist, aber bei der sich Außenstehende verwundert und entsetzt fragen: Herr Heinze, was soll das denn jetzt bitteschön werden?
Versuchen wir uns diesen Merkwürdigkeiten schrittweise zu nähern, indem wir einige markante Werkentgleisungen aus seinem Oeuvre genauer zu analysieren versuchen. Aufgrund meiner kunsthistorischen und kunstkritischen Arbeit, mit der ich Manfred Heinze nun schon über dreißig Jahre begleite, hoffe ich ein möglichst genaues Abbild seiner Intentionen darlegen zu können. Ob es mir auch gelingt in sein tiefstes Inneres zu blicken bleibt fraglich - zuversichtlich bin ich allerdings auch hier.

„Halbes Schein auf Toast“ und andere romantisch, komische Motive
Diese Werke finden sich ganz zu Beginn der Aufzeichnungen des Werkverzeichnisses. Sie sind quasi Frühwerke und daher eher einer experimentellen Phase seines Schaffens zuzuordnen. Eine damalige Beziehung vernebelte darüber hinaus wohl den klaren Blick auf die Kunst. Nicht von Ungefähr kommt es, dass einige der besonders herausfallenden Arbeiten aus dieser Zeit zwar im Werkverzeichnis genannt werden, aber nicht als Foto dokumentiert sind, was sonst im Werkverzeichnis an keiner anderen Stelle vorkommt.
„Bank …“ (00.108, 1982) ist eine kleine kolorierte Zeichnung, die die betitelte Bank in einer bergigen Landschaft mit einem einzelnen Baum darstellt. Die rote Bank gab es wirklich. Manfred Heinze entdeckte sie bei einer Reise in die Schweiz auf einem Berg am Rande des Vierwaldstätter Sees. Der Blick auf den See und sein damals empfundenes Glück müssen zu diese Zeichnungen geführt haben. In dieser Linie ist auch das Blatt „Halbes Schwein auf Toast“ (00.098, 1982) zu sehe, das es als eines von sehr Wenigen zwei Mal annähernd identisch gibt. Das erste Exemplar schenke er seiner damaligen Freundin, das Zweite hat er später (00.296, 1983) für sich als Erinnerung noch einmal gemalt. Ob dieses merkwürdige Motiv in einem direkten Zusammenhang mit der Beziehung zu sehen ist, kann heute allerdings nicht mehr sicher beantwortet werden. Sicher ist indes, dass das Schwein, wie auch einige andere Silhouetten, zum Beispiel der Kopf in der Bildserie Träume, aus der Werkgruppe Zellen stammt. Zu dieser Zeit kommt es öfters vor, dass einzelne Zellen gegenständliche, silhouettenhafte Formen annehmen. Die geometrische Form in diesem Bild, die den Toast darstellen soll, dokumentiert die reifende Kompositionsidee der Werkgruppe Dichotomie. Schon hier ist die Annäherung an die bildhaft, paradoxe Vereinigung von freier Abstraktion und geometrischer Abstraktion zu erkennen, die im Werk von Manfred Heinze, allerdings erst sehr viel später, konsequent herausgearbeitet wird.
In persönlichen Zusammenhängen sind auch noch einige andere Werke aus früheren und späteren Jahren zu sehen. „Der Hörer“ (00.006, 1979), „Grenze“ (00.007, 1979), „Die alte Mauer“ (00.008, 1979),„Grippe“ (00.009, 1980), „Freund“ (00.020, 1980),
„Lieblingsspeise“ (00.021, 1980) und auch „Die Kirche“ (00.165, 1982) sowie etwa 50 weitere Arbeiten passen genau in das oben beschriebene Muster, wobei die Bezugspersonen für die Bilder wechseln. Auffallend sind diese Bilder, da sie eine meist naive bis surreale Gegenständlichkeit zeigen, die schon allein deswegen aus dem abstrakten Gesamtwerk von Manfred Heinze herausfallen. Unter den Objekten dieser frühen Jahre fallen einige gesellschaftskritische Werke wie „Roter Eimer“ (00.088, 1982), „ Der Bundesgesundheitsminister“ (00.162, 1983),
„ Konsum“ (00.178, 1980/1983) und „ Zielkonflikt“ (00.363, 1984) auf. Nun sind diese Werke nur eingeschränkt skurril, dennoch fallen sie deutlich aus dem sonst vollkommen unpolitischen und unkritischen Werk heraus. Gesundheitspolitik und Konsumkritik lassen sich hier ausmachen, die Motivation bleibt im Dunklen.

Die 1990er Jahre
Es folgt eine überwiegend seriöse, geschlossen anmutende Werkphase. Doch auch in dieses Jahrzehnt mischen sich Arbeiten, die weit neben den üblichen Motiven Manfred Heinzes liegen. Besonders sticht nur die 1991 und 1992 entstanden Serie mit Motiven aus einem Kleinkinder- Bilderbuch von Dick Bruna aus dem Jahre 1962 hervor. „Ball“, „Blume“, „Mann“, „Auto“ und „Hund“ (01.105 und folgende, 1991/1992) heißen die Bilder und genau das zeige sie in grellen Farben, zweidimensional und Schattierungen.

Zwei Vasen
So richtig komisch wird es erst wieder 2004 mit dem wohl längsten Titel, den Manfred Heinze je vergeben hat: „Zwei Vasen (925er Silber) auf Lama-Lederstück mit frischen Portland-Rosen (Rosa portlandica `Rose du Roi ́) in Gelb und Orange“ (01.706, 2004). Mit diesem Werk beginnt eine neue Phase der absurden und skurrilen Arbeiten. „Zwei Vasen …“ besteht tatsächlich aus alten, verchromten Seifenspendern, die Rosen sind aus Kunststoff und das angebliche Lama-Leder ist braunes Papier. Dies ist der Beginn der Lüge, der Behauptung und der Aneignung in Heinzes Werk. Von nun an können die Werke selbst, die Titel oder die offensichtliche Aussage in eine Falle locken. Ganz wichtig zu betonen habe ich an dieser Stelle noch einmal, dass es sich bei allen Absonderlichkeiten nur um eine sehr geringe Anzahl von Arbeiten im Gesamtwerk handelt. Aber diese Guerillataktik beschränkt sich ja nicht auf die bildende Kunst. Auch Texte, Statements, Kritiken und Interviews entstehen unter Zuhilfenahme von Lügen. Interviewpartner werden erfunden, Sammler, Kritiker und Wissenschaftler aus etlichen Texte haben nie existiert und selbst ich bin nur die Behauptung aus dem zweiten und dritten Vornamen von Manfred Heinze, also quasi sein alter ego, was mich aber keines Wegs hindert auch diesen Text noch mit Anstand zu Ende zu bringen. Zu all den Lüge gehören letztlich auch die Objekte der Serie „Funktionale Skulpturen“ (2003/2004), die nur behaupten aus Eisen zu sein, die schließlich der gesamten Werkgruppe mit dreidimensionalen Objekten den Namen gegeben haben. Dies setzt sich bis heute in der Serie „Heros“ (2013) fort. Auch diese Helden- Denkmäler behaupten nur aus Bronze zu sein, wobei der Marmorsockel sogar echt ist. Insgesamt sind diese Helden aber nur maximal vier Zentimeter hoch, und demnach würde ich sogar sagen, dass sie nur behaupten Helden-Denkmäler zu sein.In diese Reihe skurriler Objekte gesellen sich auch„Waldsteige“ (Hirsch, 02.090 und Fasan 02.091, 2005). Zwei Flaschenkorken, die mit einem Hirsch und einem Fasan aus Sterlingsilber verziert sind, befinden sich nun auf einem Sockel zusammen mit Kunststoff Modellbaubäumen. Die Flaschenkorken stammen aus dem Haushalt der Eltern, sie sind demnach Erinnerungsstücke an die wohlgeordnete, bürgerliche Familie, der Manfred Heinze entstammt und verweisen auf die Adresse des Elternhauses.Für einen eben solchen Verweis muss auch das Objekt„Blumen“ (05.445, 2011) herhalten. Zu sehen sind Kunststoffblumen in einer Kunststoffvase (Ovomaltinedose) die quitschrosa schlampig mit Acryl bemalt ist. Viel mehr Kitsch geht auch bei Manfred Heinze nun wirklich nicht mehr. Als bewußt gewählter, ultimativ künstlerischer Tiefpunkt dürfte dieses Objekt in der Reihe der absurden und skurrilen Werke einen Hochpunkt darstellen – und darin liegt kein Widerspruch.

Performances
Im August 2008 kehren die Zellen wieder zurück und die Bildwirklichkeit der Werke. War bis 2008 überwiegend die Werkgruppe Dichotomie dominant, die Zellen dagegen tauchten hingegen nur sporadisch auf, so ist nun von Dichotomie nur noch wenig zu sehen. Doch auch jetzt ist noch Platz für absurdes Theater im wahrsten Sinne des Wortes. Manfred Heinze begibt sich auf das gefährliche Terrain der Performance. Allerdings auf seine Weise. Er persifliert diese Kunstgattung auf das übelste. Computergenerierte Titel wie „Iks-Nip- Mek“ (02.782, 2008) oder „Ness-Eg-Attim“ (02786, 2008) verweigern jegliche Erkennbarkeit und Vorahnung der Handlung. „akogare no watashi no basho” (03.813, 2010) soll japanisch sein und “Mein Ort der Sehnsucht” heißen, so jedenfalls hat das Übersetzungsprogramm von Google diesen deutschen Titel übersetzt. Lediglich bei “Eating the EiBrot” (05.447, 2011) lässt sich der Vorgang der Performance ein Eibrot zu essen erkennen. In „Iks-Nip-Mek“ biete Manfred Heinze den Betrachter an, ihn bei seinem Wellness und Relaxing im Schwimmbad des Hotels Kempinski in Berlin zu beobachten. Laut Anweisung kann die ca. drei Stunden dauernde Performance aktiv begleitet werden, Gespräche sind aber nicht erwünscht und maximal zwei Personen zugelassen. Diese Performance fand ca. 50 Mal zwischen 2008 und 2012 statt. Bei „Ness-Eg-Attim“ verhält es sich ähnlich wie bei der vorherigen Performance, mit dem Unterschied das Manfred Heinze hier beim Mittagessen begleitet und beobachtet werden kann. Die ca. 30 minütige Aufführung fand zwischen 2008 und 2012 weit über 500 Mal statt. Bei beiden Performances habe jedoch nie Zuschauer teilgenommen, zumindest nicht angemeldet und bezahlend.Die Aufführung „akogare no watashi no basho” fand zur Ausstellungseröffnung von „Sehnsuchtsorte“ in Berlin statt. Es ist ein fiktives japanisches Musikstück, das Manfred Heinze sich für ein Kinderxylophon, Blockflöte und Metronom ausdachte. Da er kein Musikinstrument beherrscht und keine Noten lesen kann, blieb nur noch der Ausweg über die Fünftonmusik, die, egal in welcher Reihenfolge man die Noten C, D, E, G, A spielt, immer harmonisch und irgendwie japanisch klingt. So wurde mit dem beliebigen geklimpere von Manfred Heinze, dem Rhythmus gebenden Metronom, das von seiner Tochter Lynn bedient wurde, und den beliebigen Flötentönen des Schweizer Künstlers Martin Stützle ein altes japanische Traditionsstück vorgegaukelt.Das in der Performance “Eating the EiBrot” tatsächlich ein Eibrot zubereitet und anschließend verspeist wird, bei der der Zuschauer angemeldet, zahlend und schweigend beiwohnen kann, sein hier nur noch der Vollständigkeit halber erwähnt.
 
EiBrot
Mit “Eating the EiBrot” ist die Brücke zum Internetprojekt„EiBrot“ (03.741, 2010) geschlagen. Diese skurrile Idee stammt eigentlich von seiner Tochter Lynn, die angesichts des seit seiner Kindheit konsequenten wochenendlichen Frühstücksrituals von Manfred Heinze ein Eibrot zu essen meinte: „Papa reserviere dir doch die Website eibrot.de“. Da eibrot.de von Apple(!) reserviert war, blieb nur eibort.eu, die Apple offenbar vergessen hatte.Zunächst war vollkommen unklar, was mit der Website geschehen sollte, bis die Idee reifte, Eibrote aus der ganzen Welt dort zu sammeln, und bei Gelegenheit in einer Ausstellung zu zeigen. Diese Arbeit ist unglaublich weit von allen Dichotomie-Bildern, Zellen-Bildern und Funktionalen Skulpturen entfernt, aber dieses Projekt ist das am engsten mit dem Privatleben verbundene Kunstwerk. Als Eat-Art Kunstwerk will es sich in die lange Reihe von Kunstwerken einreihen, deren bekanntester Vertreter Daniel Spoerri ist. Aber trotz aller persönlicher Nähe und den Parallelen zur etablierten Ear-Art bleibt diese Projekt im Werk von Manfred Heinze eigenartig.

Appropriationen
Zu all dem skurrilen, absurden und erfundenen gehört natürlich auch die 1977 erstmals gezeigte Appropriation Art, die bösartig ausgedrückt auch Plagiat oder Fälschung heißen könnte, nett gemeint aber durchaus mit Hommage besser beschrieben ist. Auch dieses Stilmittel will Heinze nicht auslassen oder persiflieren – so ganz genau weiß ich es nicht. Bequem wie er ist, malt er nicht nach, kopiert nicht, sondern ganz im Sinne des Wortes Appropriation, also: Aneignung, nimmt er unsignierte Ölschinken von anonymen Künstlern, die er auf Flohmärkten kauft oder aus der Familie bezieht, um daraus Details auszuschneiden, sie neu zu Rahmen und sie mit seinem Namen signiert, betitelt und datiert. Die Arbeit „Hirsch“ (03.515, 2009) sei hier nur exemplarisch als das auffälligste Werk genannt.

Jeden Morgen: Feierabend
Fünfzig mal sechzig Zentimeter groß ist das Wandstück, das aus einem spießbürgerlichen Wohnzimmer zu stammen scheint. Hinter der teils eingerissenen Blümchentapete ist noch die als Makulatur geklebte Zeitung zu erkennen. An einem Nagel hängt ein Holzbrettchen, auf das der Spruch „Jeden Morgen: Feierabend“ mit einem Lötkolben in bester Heimwerkermanier eingebrannt wurde. Auch diese Werk (03.656, 2010) will sich so gar nicht in den Rahmen der Kunst von Manfred Heinze einordnen lassen. Doch der Hintergrund ist ebenso banal wie amüsant. Der Spruch stammt von einem Graffito aus dem Duisburg der 1980er Jahre. Die damals hohe Arbeitslosigkeit anprangernd überdauerte der Spruch im Kopf des Künstlers, um endlich 2010 die passende Gelegenheit zu finden, ihn wieder aufzuschreiben. Für die Ausstellung „Sehnsuchtsorte“ entstanden zwei Entwürfe für Postkarten, die zum einen das tolle Künstlerleben ironisiert, zum anderen der Arbeitslosigkeit eine positive Seite abzuringen versucht. Auf der Rückseite der Postkarte heißt es: „Herzlichen Glückwunsch zur Arbeitslosigkeit. Endlich mehr Zeit für Hobbys, Freunde, Familie, Kultur, Fitness, Meditation und Wanderungen. Nie mehr früh aufstehen. Nie mehr zu spät kommen. Nie mehr Ärger mit dem Chef. Regelmäßiges Einkommen ohne Anstrengung. Jeden Tag: Urlaub. Jeden Morgen: Feierabend.“
Der zweite Text lautet: „Werden Sie Künstler(in). Nie mehr früh aufstehen. Nie mehr zu spät kommen. Nie mehr Ärger mit dem Chef. Arbeiten nach Lust und Laune ohne Auftrag. Endlich mehr Zeit für Hobbys, Freunde, Familie, Kultur, Fitness, Meditation und Wanderungen. Reich, aber sexy. Jeden Tag: Urlaub. Jeden Morgen: Feierabend.“
Gedruckt und an die Besucher der Ausstellung verteilt wurden nur die Postkarten „Werden Sie Künstler(in) …“ Wahrscheinlich fehlte für die Arbeitslosen-Postkarte in der Arbeitslosenhochburg Berlin-Marzahn der Mut. Ist ja auch fraglich, ob der Arbeitslose Besucher der Ausstellung die Ironie angesichts des persönlichen Schicksals richtig verstanden hätte.
 
empty
Ein weiteres Internetprojekt beschäftigt sich mit der Tragik, die Leere verursachen kann. Entstanden aus der Idee einer angesichts des Informations-Overkills vollkommen leeren Internetseite, was schon absurd genug wäre, hat Manfred Heinze 2011 mit der Sammlung leerer Gegenstände begonnen und diese mit Fotos ins Internet gestellt. „Empty“ (04.082, 2001) zeigt Dinge des alltäglichen Gebrauchs und er erklärt dies mit den folgenden Worten: „Die meisten von uns leben in einer Welt des Überflusses und wir können uns nicht vorstellen, wenn etwas nicht da ist – wenn etwas leer ist. Aber vielen Menschen fehlt es an den notwendigsten Dingen. Manchmal ist es nur ärgerlich, aber manchmal wird es lebensbedrohlich.“
Die leeren Eierschalen und die leere Cola-Dose sind da nur das geringste Übel, wenn aber der Feuerlöscher leer ist, die lebenswichtige Spritze, der Reissack oder das Konto, hört der Spaß auf. Empty muss wohl zu den wenigen, aber um so eindringlicher wirkenden kritischen Werken gehören. Sei es Konsumkritik, die ja schon in einigen wenigen Werken 1980er Jahren eine Rolle spielte oder der Hinweis auf Armut und Elend, beides hätte besser nicht visualisiert werden können.

Badenweiler Tür Zu
Das Objekt, oder besser, die Installation „Badenweiler Tür Zu“ (04.236, 2011) stammt angeblich garnicht von Manfred Heinze. Eine unbekannte Künstlerin aus dem Süddeutsch-Französischen Grenzgebiet soll diese Installation 1972 geschaffen haben. Ein Exemplar soll bei dem (erfundenen?) Kunstsammler Rolf Gustavson lagern. Die Installation ist Bestandteil der Ausstellung „Badenweiler Ornament“, die 2011 im KunstPalais in Badenweiler stattfand. Im Werkverzeichnis, das ich ausnahmsweise für diesen Artikel zitieren darf, ist unter der Nummer 04.236 dazu zu lesen: „Badenweiler Tür Zu ist …
1.: … eine Installation aus 42 Holzscheiten aus Buche, die in einem Türdurchgang aufgeschichtet und diesen damit verstellt.2.: … eine fiktiver eMail Schriftwechsel zwischen dem fiktiven Kunstsammler Rolf Gustavson und Manfred Heinze
3.: … angeblich das Werk einer unbekannten Künstlerin aus Colmar. 4.: … zahlreiche gefälschte und verfremdete Fotos des angeblich aus dem Jahre 1972 stammenden Werkes, der unbekannten Künstlerin und anderer, das Kunstwerk erklärende Fotos.
Ausstellung des Werkes nur mit 42 ca. 1 Meter langen Buchenholzscheiten, dem fiktiven eMailverkehr und den gefälschten Fotos.Diese Werk basiert auf einer Projekt-Idee von Rolf Heinze, der auch wesentliche Teile des eMail-Textes geschreiben hat. Für die Umsetzung des Werkes für die Ausstellung „Badenweiler Ornament“ im KunstPalais Badenweiler hat Rolf Heinze das Holz zur Verfügung gestellt und die Installation aufgebaut sowie einige Fotos beigetragen. Der Beitrag von Manfred Heinze beschränkt sich auf seinen Textanteil und die Bearbeitung der Fotos. Das von Manfred Heinze verfremdete Foto der fiktiven unbekannte Künstlerin zeigt im wirklichen Leben Rosa Babitsch aus München.“Alle weiteren Bemerkungen meinerseits erübrigen sich da fast. Bleibt nur noch zu erklären, was diese Installation bedeuten soll oder bezwecken will. Und in diesem Moment öffnet sich das riesige Gebäude der Kunstgeschichte ungeschützt an seiner Breitseite weit wie ein gigantisches Scheunentor (welch schöne Metapher!). Aneignung, Fragen zur Autorenschaft, Fälschung und Geschichtsklitterung, ironische Bemerkung zum Hype von Installationen in zeitgenössischen Ausstellungen, Banalisierung der Minimal-Art, Kritik an dokumentarischer Kunst, und so weiter, keine Kunstrichtung der letzten 50 Jahre bleibt hier verschont. Es ist schon verblüffend, mit welch subtilen Mitteln durch diese banale Schichtung von 42 Holzscheiten unzählige Top-Ausstellungen in unzähligen Top-Museen weltweit in Frage gestellt werden. Aber vielleicht ist ja auch jegliche Deutung auf einem Holzweg und es ist einfach nur ein Spiel? 

Teddybär
So richtig merkwürdig wird es auch mit dem ersten Teddybärgedicht, die mit großem Abstand immer wieder schriftlich niedergelegt werden, und 2013 in der Fotoserie Teddybär gipfeln. Sicher ist, dass die Gedichte in Mülheim an der Ruhr ihren Ursprung nahmen, und zunächst nur aus zwei Zeilen bestanden. „Der Teddybär, der Teddybär - Hat keinen Sexualverkehr“; lautete die Urform des Teddybärgedichtes von Manfred Heinze. In einer späteren zusammenfassenden Überarbeitung wurden aus zwei Zweizeilern daraus die heute bekannten Vierzeiler. Als sehr sicher gilt, dass er durch die Gedichte von Heinz Erhardt dazu angeregt wurde. Rätselhaft bleibt indessen, was ihn dazu brachte ausgerechnet Teddybären als Protagonisten seiner Gedichte sich auszudenken. Ausschließen kann ich, dass sowohl Teddybärgedichte als auch die Fotoserie irgendetwas mit den bekannten Werkgruppen zu tun haben, obwohl er die Teddybärfotos seiner Werkgruppe Depesche zugeordnet hat, die aber ihrerseits eher unbedeutend und marginal zu nennen ist und auch noch einige andere Absurditäten enthält, auf die ich hier aber nicht auch noch eingehen möchte. So bleibt fraglich in welchem Kontext der Teddybär zu sehen ist. Sind es Kindheitserinnerungen? Soweit ich das beurteilen kann, nein.

Versuch der Einordnung
Es bleibt demnach nur davon auszugehen, dass der Teddybär, ebenso wie viele andere hier bereits beschriebenen Werke nichts weiter als eine Art Spiel ist. Genau wissend, dass Manfred Heinze jegliche elektronische Spielerei ablehnt, und klassische Gesellschaftsspiele auch nicht gerade zu seinen Lieblingsbeschäftigungen zählen, muss ich davon ausgehen, das alle, oder zumindest die meisten erwähnten, aus dem Rahmen fallenden Werke von Manfred Heinze seine Art des Spielens sind. Es sind somit Werke der Kompensation vom alltäglichen und von der Ernsthaftigkeit der künstlerischen Arbeit ohne den Kunstkontext verlassen zu wollen. Vergleichbar vielleicht mit dem Spieldrang Anderer, die nach ihrem Alltag die spielerische Variante des Lebens und deren Flucht davor in elektronischen Spielen wie Second Live oder Sims suchen. Und dies, so möchte ich frech behaupten, gilt sogar für seine bedeutungsschwangeren, aber nicht minder skurrilen Werke, die im anstrengenden Kunstalltag von Dichotomie und Zellenornament eine willkommene Abwechslung sind. Und so visualisieren sich in diesen Momenten mit diesen Werken die Auszeiten, die er selten, aber immer schön, als homo ludens Manfred Heinze schafft. Und trotz, oder gerade wegen der gelegentlichen Auswüchse des Spiels bleibt er immer ein seriöser Künstler mit einem homogenen Werk.

Admin - 09:52:39 @ Allgemein | Kommentar hinzufügen

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