MANFRED HEINZE
visual arts


BLOG

On this website Manfred Heinze has posted selected texts from his book »Onomatopoesia[Ahh]«
and he will post new texts about art and everything else.

(All texts are in German language only - sorry. To translate, copy the text and paste it into www.deepl.com)

Administration

Atom

2017-12-20

Sex Cells (2012)

Polizeistation Manhattan South, New York, 24. November 2012.Im Verhörzimmer ohne Fenster stehen ein alter Tisch mit rostigem Stahlgestell und einer mit dunkelgrünem Linoleum bezogenen Tischplatte, ein alter Stuhl mit brauner Kunstledersitzfläche und Rückenlehne auf dem Manfred Heinze sitzt, und drei weitere, baugleiche Stühle, mit schwarzem Kunstleder. Die Wände sind, oder besser waren cremeweiß gestrichen und haben deutlich sichtbare Abriebspuren. Auf der Manfred Heinze gegenüberliegenden Seite ist ein etwa 1,50 mal 3,00 Meter großer Spiegel in die Wand eingelassen, wahrscheinlich lässt sich von der Rückseite des Spiegels der Raum beobachten, so wie man es aus Fernsehkrimis kennt. Auf dem an manchen Stellen leicht glänzenden Zementboden sind deutlich Laufzonen zu erkennen, die hier seit vielen Jahren in den Belag abgeschliffen haben. Und es gibt etliche alte Kaffeeflecken, es könnte aber auch Blut gewesen sein.Manfred Heinze gegenüber sitzen in zivil gekleidet Officer McNoland, Chief Inspector Johnson und eine Assistentin der Wache, Miss Muller. Auf dem Tisch steht ein kleines digitales Aufnahmegerät, das so gar nicht zu der ansonsten sehr alten Ausstattung der New Yorker Polizei passt.

Johnson: … Test, eins, zwei, drei. pfffff - pffff.
(Johnson spult zurück und hört sich das Ergebnis an: „Test, eins, zwei, drei. pfffff - pffff.“)

Oki, fangen wir an. Miss Muller, Sie schreiben bitte auch noch mit. Verhör 24.11.2012, Nr. 42-42, McNoland, Johnson, Muller. Verdächtiger: Mr. Heinz, Man…
Manfred Heinze: Heinze, mit „e“ hinten bitte. Heinze, Manfred Heinze.

Johnson: Oki. Verdächtiger: Mr. Heinze, Manfred. Weitere Angaben laut Akte. Mr. Heinze, Sie haben in der Samuel Kurzbein Gallery, 101 Spring Street New York, 10012 eine Ausstellung mit dem Titel „Sex Cells“. Ist das richtig?
Ja.

Johnson: In dieser Ausstellung befinden sich Bilder, die eindeutig sexuelle Handlungen zeigen und in unzüchtiger und pornographischer Weise Personen zeigen, deren Identität und Zustimmung zu dieser Art der Abbildung zumindest zweifelhaft ist.
Nein, das ist nicht richtig.

Johnson: Nicht? Aber es sind in den Bildern eindeutig nackte Menschen, vornehmlich Frauen zu sehen.
McNoland: Versuchen Sie uns nicht zu verarschen, Sie Kunstnazi.
Johnson: Bitte, Jeff. – Miss Muller, streichen Sie das. Dann erklären Sie uns bitte was Sie dort Abbilden. 
Die Fotos, die meiner Arbeit zu Grunde liegen stammen von angesehenen Aktfotografen der heutigen Kunstszene. Es handelt sich dabei …

McNoland: Dieser Schweinekram soll Kunst sein. Ich zeige dir gleich …
Johnson: Jeff!!! – Entschuldigen Sie bitte, Mr. Heinz.
Heinze. Hinten ein „e“ bitte.Bei den Aktfotografen handelt es sich um Richard Kern, Roy Stuart, Ed Fox und Nobuyoshi Araki – wobei ich mir nicht sicher bin, ob ich den Araki überhaupt verarbeitet habe.

McNoland: Jetzt fehlt nur noch dieser pädophile Richard Hamilton. Ich könnte kotzen.
Johnson: Jeff McNoland, du hältst jetzt die Klappe oder ich schmeiß dich raus. Oki?
Miss Muller: Soll ich das auch streichen?
Johnson: Ja, streichen Sie alles von McNoland. – Haben Sie die Beweisfotos hier.
Miss Muller: Ja. Hier.
Johnson: Erklären Sie uns doch bitte was wir hier sehen können.
Gerne. Dies ist das Bild 04.068 mit dem Untertitel „Sex Cells“

Miss Muller: Hier ist „Sex Cells“ mit „C“ geschrieben. Muss es nicht „Sex Sells“ , also mit „S“ heißen?
Johnson: Mr. Heinz?
Mit „e“ hinten. Ach egal. Nein, mit „C“ ist richtig. „Sex Cells“. Es hat eben nichts damit zu tun, dass sich Sex gut verkaufen soll. Der Titel spielt nur mit dem aus der Werbung bekannten Phänomen, dass Sex sich gut verkauft. Mein Titel meint natürlich die von mir gemalten Zellen über den Fotos. Dazu vielleicht später mehr.
Diese Bild zeigt also einen nackten Frauenkörper in schwarz/weiß, der mit dicken, schwarzen Zellen übermalt ist, von denen etwa sechs Zellen mit sehr dünner hellblauer Farbe ausgefüllt sind. Das Bild ist übrigens eine Leihgabe eines deutschen Sammlers. Vielleicht können wir uns die Beschreibung der übrigen Bilder sparen, da meine Vorgehensweise und Intention stets die gleiche ist. Das Betrifft übrigens auch die Bildserie „Ist ja nicht meine Tochter“. Oder soll ich die Bilder einzeln erläutern?

Johnson: Nein, nein. Oki, ich denke das eine Bild reicht zur Erläuterung. Bitte fahren Sie fort, Mr. Heinz. – x ́cuse me, Mr. Heinze.
Die Fotos sind nicht das wichtige bei dieser Bildserie. Ich meine, ich will die Bilder nicht auslöschen oder vernichten indem ich sie übermale. Sie haben auf jeden Fall ihre Berechtigung. Das zeigt schon alleine ihr Stellenwert im Kunstmarkt. Ich meine, das sind alles höchst angesehen Fotografen, die durch zahlreiche seriöse Publikationen und Ausstellungen ihren künstlerischen Wert für die Kunstgeschichte dauerhaft etabliert haben. Auch die Preise der Kunstwerke diese Fotokünstler zeigen, das es sich nicht um Kunst handelt die nur unter der Theke verkaufte werden kann, und die sich ganz extrem von billigen Sexbildchen unterscheiden. Mit meinen Übermalungen will ich zwar das Thema Sex anschneiden, es aber nicht zum Hauptmotiv machen. Auslöser für diese Serie war tatsächlich nur die Behauptung „Sex Sells“. Zu diesem Thema wollte ich arbeiten, und da lag es nahe, dass ich derartige Fotos mit Zellen übermalte, so wie ich schon zuvor viele andere Fotos mit Zellen oder abstrakter Malerei übermalt habe. Etwas anders verhält es sich mit der Serie „Ist ja nicht meine Tochter“, bei der ich angesichts der Fotobände der vorhin genannten Künstler dachte, ist ja tolle Fotokunst, aber wenn das meine Tochter wäre, wäre ich darüber wohl nicht so glücklich. Und ich vermute, dass es vielen Vätern so geht. Ich habe …

McNoland: Na ja, …
Johnson: Jeff, lass ihn ausreden.
… diese Bilder mit mehreren Farbschichten übermalt. Zwar sieht man noch ein wenig vom Foto, so, dass man noch erkennen kann was ich meine, aber eben auch deutlich wird, das ich diese Fotos nicht mit meiner Tochter darauf sehen möchte.

McNoland: Was ist mit …
Johnson: Was ist mit den Urheberrechten der Fotografen? Mir scheint Sie haben diese Rechte verletzt.
McNoland: Wollte ich auch gerade fragen.
Die Verwendung der Fotos ist absolut unproblematisch. Zumindest ist das in Deutschland gemäß § 24 „Freie Benutzung“ des Urheberrechtsgesetzes so. Darin heißt es: „Ein selbständiges Werk, das in freier Benutzung des Werkes eines anderen geschaffen worden ist, darf ohne Zustimmung des Urhebers des benutzten Werkes veröffentlicht und verwertet werden.“ Was soviel bedeutet wie: Wenn ich mit den Fotos der bekannten Fotokünstler ein vollkommen eigenständiges, also selbständiges Werk schaffe und damit eine Aussage über die Darstellung der Akte hinaus mache, kann ich die Fotos vollkommen problemlos verwenden.

Johnson: Oki. Das scheint mir hier jetzt auch nicht relevant. Keine Ahnung was die US Gesetzgebung dazu sagt. Ist mir auch egal. Sie sind ja hier wegen der Vorwürfe der Darstellung von Pornographie in der Öffentlichkeit.
Ich kann beim besten Willen keine pornographischen Fotos erkennen.

McNoland: Na ja, wenn ich mir die Bilder so genau ansehe … 
Johnson: Was würden Sie sagen sehen wir, wenn nicht nackte Körper?
Sie sehen in der Serie „Ist ja nicht meine Tochter“ Collagen und abstrakte Malerei in teils kräftigen Farben und in der Serie „Sex Cells“ ein zellenartiges, unregelmäßiges Ornament. In beiden Serien werden Fotos übermalt, die mit viel erotischer Phantasie nackte Körper erkennen lassen. Die Titel der Serien bestätigen die offensichtlich erotischen Phantasien der Betrachter. Aber bei aller Phantasie: Niemand hat die Absicht nackte Körper zu zeigen.

Johnson: Miss Muller, haben Sie das? Miss Muller: Ja.
Johnson: Oki. Das schreiben wir jetzt so in unseren Bericht und Mr. Heinz kann die Ausstellung sofort wieder öffnen.
„e“, hinten mit „e“.

Johnson: Sag ich ja. – Jeff, noch Fragen? – Nein, dann entschuldigen Sie bitte die Sorgfalt des Bundesstaates New York in Fragen der Pornographie. Sie können jetzt gehen. Good bye Mr. Heinz.

Vielen Dank an das New York Police Department für die Überlassung der digitalen Aufzeichnung.
Aus dem englischen übersetzt von Lynn Zoe.

Admin - 09:45:28 @ Allgemein | Kommentar hinzufügen

Kommentar hinzufügen

Die Felder Name und Kommentar sind Pflichtfelder.