MANFRED HEINZE
visual arts


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On this website Manfred Heinze has posted selected texts from his book »Onomatopoesia[Ahh]«
and he will post new texts about art and everything else.

(All texts are in German language only - sorry. To translate, copy the text and paste it into www.deepl.com)

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2017-12-08

In der Galerie (2012)

Eine namhafte Galerie in Berlin-Mitte. Große, blitz-blank geputzte riesige Scheiben trennen fast unsichtbar den über sieben Meter breiten Gehweg von den Galerieräumen. Rechts neben dem Eingang steht auf der glänzenden Granitverkleidung der Wand dezent in etwa zehn Zentimetern große Edelstahlbuchstaben die Namen der beiden Galeristen, die durch ein phantasievoll verschnörkeltes, logohaft wirkendes, eigentlich nicht zu den serifenlosen Buchstaben passendes &-Zeichen getrennt sind. Betritt man die Galerie durch die palastartige, mit Edelstahl gerahmte Glastür, steht man zunächst auf einer mehrere Quadratmeter messenden, in den Boden eingelassenen Kokosmatte, bevor die vom Straßenschmutz gereinigten Schuhe den gleichmäßig fein strukturierten, mittelgrauen Granit betreten, der mir schon draußen am Eingang in der Vertikalen begegnete. Die absolut schattenfrei verputzten und in reinstem Weiß gestrichenen Wände und Decken sind bis auf wenige Ausnahmen frei von jeglicher Unterbrechung. Keine Steckdose, kein Lichtschalter, kein Feuerlöscher stört die Blick auf die Kunstwerke. Das Licht, dass die Räume derart gleichmäßig ausleuchtet, kommt fast unbemerkt aus Wandschlitzen. Von der Decke reflektiert flutet das Licht den Raum, der sich in einen gleißenden Saal verwandelt, der, obwohl er eh schon eine beachtliche Deckenhöhe aufweist, nach Oben keine Begrenzung mehr zu haben scheint. Die Galeriewände haben vermutlich die Ausmaße von Fußballfeldern und vom Eingang aus betrachtet hat man den Eindruck, die Abfolge der Räume ende nicht bevor man nicht mindestens eine Stunde in die unendlichen Tiefen des Raumes vorgedrungen ist.
 
Die Besucher der Privat View, wie die auf Büttenpapier in Siebdruck und mit Prägung versehen Einladung die Ausstellungseröffnung nennt, sind überwiegend dezent feierlich gekleidet. Die Damen tragen der Außentemperatur entsprechend leichte Sommerkleider, während die Herren durchweg im dunklen Anzug erschienen sind. Mal konventionell mit Krawatte, einige mit Fliege, einer trägt ein Lederband mit Silberverzierung, die meisten aber sind léger mit offenem Kragen ohne jegliches Gebinde erschienen. Meine Jeans und das schwarze Hemd passen so gerade noch, ohne mich underdressed zu fühlen. Modellhafte, superschlanke Frauen um die zwanzig in extrem kurzen schwarzen Röcken jonglieren gekonnt mit Tabletts voller Champagner, Canapés oder alkoholfreien Getränken durch die locker stehenden Gäste. Obwohl mindesten 500 Besucher die Räume füllen und immer noch ständig neue Gäste am Eingang von ebenso schlanken, chromglänzend gekleideten Hostessen begrüßt werden, sind die Räume nicht überfüllt und gewähren mir auch ohne Probleme gute Sicht auf die Kunstwerke. Im zweiten Raum, der genauso groß ist wie der straßenseitige, hat sich eine große Menschentraube gebildet. Hier scheint der Künstler oder der Galerist in der Mitte zu stehen - oder beide.
 
Der auf Chromolux gedruckten Liste der Kunstwerke, die die Hostessen den hereinkommenden Gästen aushändigt, ist der Titel, das Entstehungsjahr, die Technik und die Maße zu entnehmen. Demnach sind alle ausgestellten Werke aus den letzten drei Jahren, alle sind in Acryl und Öl auf Leinwand gemalt und alle haben das gleiche Maß von 3,00 mal 4,85 Meter. Auffallend sind die merkwürdigen Titel, die fast immer mit den Artikeln „Der“, „Die“, „Das“ beginnen und irgendwie nach Hobbymalerei in der Volkshochschule klingen: „Der Sonnenaufgang“, „Die blühende Wiese“, „Der Krieg“, „Die Hoffnung“, „Das Abenteuer geht weiter“, „Die Erfüllung der Wüsche“, und so weiter. Die Preise stehen selbstverständlich nicht auf der Liste, aber durch ein unüberhörbares Gespräch bin ich darüber informiert, dass alle Bilder jeweils 127.000 Euro kosten. Zwar inklusive der Umsatzsteuer, wie meine Nachbarn laut erzählen, aber empörender Weise ist im Voraus zu zahlen und einen Sammlerrabatt gebe es auch nicht.
 
Aus der Mitte des Raumes betrachtet, scheinen alle Bilder monochrom braun zu sein. Diese braune Sauce scheint zwar an einigen Stellen zu changieren, eine Struktur ist aber nicht zu erkennen. Lediglich rechts unten ist eine deutliche schwarze Lineatur auszumachen. Beim herantreten ist recht schnell zu erkennen, dass es sich dabei um die Signatur des Künstlers handelt, der seinem ungelenk geschriebenen, aber deutlich zu lesenden Namenszug zwei Ziffern für die Jahreszahl angehängt hat. Die Signatur ist locker zwanzig Zentimeter hoch und fast einen Meter lang. Aber selbst aus dieser Entfernung bleibt das Bild matschig braun. Erst beim noch näheren Hinsehen löst sich der Farbbrei langsam auf. Die komplette Farbpalette des Farbenhandels schein sich auf den Bilder ausgebreitet zu haben. Die Technik des Auftrags ist schnell entschlüsselt, handelt es sich doch um eine Mischung aus Gerhard Richters Rakeltechnik und Jackson Pollocks Driptechnik. Nur: Bei Richter sind die Rakel bis zu vier Meter lang, dieser Künstler scheint einen kleinen Malerspachtel von vier Zentimetern länge verwendet zu haben. Und die Drippings von Pollock sind aus der Bewegung des ganzen Körpers heraus entstanden, hier hat der Künstler offenbar mit einem nuller Pinsel die Farbe auf die Leinwand getropft. So nah vor dem Bild stehend fällt auch der Rahmen auf, der die Bilder fassen soll. Allesamt sind die Rahmen aus zwar gehobelten, aber in der Länge vollkommen unterschiedlichen Stücken zusammengesetzt. Die Übergänge nicht nur nicht geschliffen, auch stoßen die Enden nicht sauber aneinander. Die Ecken sind weder auf Gehrung geschnitten, noch sind die Stöße wirklich passend. An einer Ecke, an der das letzte Stück wohl nicht lang genug war, ist noch ein handbreites Stück Leiste mit einem einzigen Nagel befestigt, so dass es nun etwas schräg und etwa einen halben Zentimeter zu kurz ist. Nun fallen auch die Knicke mitten im Bild und die Falten und Beulen in den Ecken auf, die offensichtlich beim Aufspannen in der Galerie zustande gekommen sind, da ein Transport ein einem ausreichend großem LKW offenbar nicht in Frage kam. Auch sind nun Kanten, Vor- und Rücksprünge beim Keilrahmen zu erkennen, der offenbar gar kein Keilrahmen ist, sondern aus unterschiedlich starken Kanthölzern zusammengezimmert ist. Auch erkennt man nun deutlich, dass die Bilder in der Mitte etwas durchhängen, was von weitem nur wie eine optische Täuschung aussah.
Da, wo durch mehrmaliges auf- und abspannen der Leinwand an den Rändern kleine Risse entstanden sind und die Leinwand außerdem auch noch hinter dem so genannten Rahmen hinten heraussteht, kann man deutlich erkennen, dass auch nicht auf Leinen sondern auf billigem gelblichen Nessel gemalt wurde.
 
Schon reichlich verwirrt, konzentriere ich mich auf ein wohl schon länger sich im Fluss befindendes Gespräch zweier, für einschlägige Kunstpublikationen vielschreibender Kunstkritiker, neben denen ich unbemerkt in Hörweite stehe. Sie stehen ohne Glas und ohne Liste in sehr kurzer Entfernung zu einem der Bilder. Einer von ihnen hat den 600 Seiten starken viersprachigen Katalog der Ausstellung in einer durchsichtigen Plastiktüte an der linken Hand, mit der Rechten gestikuliert er beim reden.
 
Kunstkritiker 1: … auch von diesem Werk bin ich ja so angetan. Es bleibt mir jedes Mal die Luft weg.
 
Kunstkritiker 2: Da bin ich ganz bei dir. Ich finde auch, die eindeutigen und starken politischen Aspekte dieser Werke sind extrem durchdringend und rühren an meinen höchsten Werten. Sieh nur, dieses Grün hier,…
 
Er deutet auf einen in Augenhöhe mitten auf dem Bild „In der Weihnachtsbäckerei“ sich diagonal etwa sechs Zentimeter langen kadmiummittelgrünen Strich.
 
… das in allen Staatsfahnen islamisch regierter Länder vorkommt, mit welcher Eindeutigkeit hier der Konflikt zwischen der westlichen Welt, gleich daneben dargestellt durch die Farben Weiß, Rot und Blau, die Farben der Flagge der USA aufgezeigt wird.
 
Er deutet dabei fast die Leinwand berührend auf drei fingernagelgroße Flecken.
 
Und wie dabei gleichzeitig durch das Auseinanderfliegen der drei USA Farben die Dekonstruktion unserer westlichen Kultur dargestellt ist. Die Finanzkrise ist hier nur zu deutlich als Ursache auszumachen. Und dann hier: Rot, Schwarz, Weiß und die Form der Flächen. Die Morde der Terrorzelle Nationalsozialistischer Untergrund werden hier auf drastischen Weise …
 
Zwei Stunden später
 
Kunstkritiker 1: Ich sag ja, es ist schier unglaublich. Alle politischen Konflikte er Welt behandelt diese Werk. Der ganze Weltschmerz, könnte man sagen, ist hier verarbeitet. Und nicht nur in diesem Bild, alle Bilder sind voll von politischen Themen. Ich finde, jeder auch nur halbwegs politisch interessierte Mensch sollte so ein Bild über dem Sofa hängen haben. Neben der modernen digitalen Geschichtsschreibung sehe ich diese Werke als die legitimen Nachfolger der Historienmalerei. Ich bin so sprachlos, dass ich fürchte, ich werde mir sehr schwer beim schreiben tun, oder aber es sprudelt nur so aus mir heraus, und Joe muss wieder zwei Drittel meines Textes kürzen.
 
Kunstkritiker 2: Ja, und da kommen ja noch mindestens zwanzig Werke, die wir noch nicht gesehen haben.
 
Er zappelt dabei mit den ausgestreckten Arm in Richtung der übrigen Räume im hinteren Teil der Galerie und hätte dabei fast der sich nähernden Bedienung die Gläser vom Tablett geräumt. Der Andere folgt mit erschrockenem Blick der Hand seines Kollegen und sieht dann die entsetzte Bedienung an, die inzwischen mit einem eleganten Schlenker die Laufrichtung gewechselt hat.
 
Kunstkritiker 1: Lass uns dieses Bild noch betrachten.
 
Sie gehen zum nächsten kackbraunen Bild mit dem Titel „Die Erfüllung der Wünsche“, wie ich meiner Liste entnehme. Ich folge ihnen unauffällig.
 
Hier werden Fragen zur Gesundheitspolitik im Allgemeinen und zur Epidemiologie und zur Versorgungsforschung für den ländlichen Bereich im Besondern gestellt. So wie ich das sehe, steht hier das Grün für ärztliche Unterversorgung in Mecklenburg-Vorpommern …
 
Bedienung: Möchten Sie einen Champagner?
 
Ich nehme dankend ein Glas vom Tablett, trinke es in einem Zug aus indem ich den Kopf tief in den Nacken drehe, und stelle das Glas zwei Sekunden später ebenso dankend der etwas verdutzten Bedienung wieder aufs Tablett. Im vorbeigehen drücke ich einer chromblitzenden Hostess meine Liste wieder in die Hand und gehe im rechten Winkel Richtung Gehwegkante, setze mich in das dort wartende Taxi und lasse mich nach Hause fahren. Unterwegs denke ich an einen Essay den Susan Sonntag 1964 über das Interpretieren geschrieben hat. Darin beklagt sie, dass der Glaube, die eigentliche Bedeutung eines Kunstwerkes sei ein Subtext, der dem nicht interpretierenden Auge verborgen bleibe, eine unglaubliche Deutungsschwemme ausgelöst habe. Die Fähigkeit des unmittelbaren, sinnlichen Zugangs zur Kunst sei dadurch verkümmert. Interpreten nannte sie Blutegel und das Interpretieren bedeute die Welt arm und leer zu machen, um eine Schattenwelt der Bedeutungen zu errichten. Zuhause angekommen setzte ich mich mit einem Glas Rotwein in den Eames und greife zur letzten Ausgabe des Kunstforums, um zur Entspannung ein wenig zu lesen. Zunächst betrachte ich zwei Abbildungen zu einem Interview mit einem mir unbekannten Künstler aus den USA. Die Eine zeigt den Rahmen eines Tamburins, der mit dem Handgriff nach unten ohne Schellen auf einem Nagel an einer Museumswand hängt. Eine Assoziation drängt sich auch beim intensiven Nachdenken nicht auf. Die Andere zeigt eine etwa zwei Liter fassende Kunststoffgetränkeflasche, der der Hals abgeschnitten wurde, und die mit einer roten Masse gefüllt einsam auf dem Boden steht. Auf den ersten Blick denke ich an einen Feuerlöscher, dem die Schläuche und Ventile abmontiert wurden.
Dazu lese ich den Interviewtext:
 
Künstler: (…) Das eine Objekt ist ein Tamburin. Es zu verändern und dabei zu ruinieren schien mir eine brillante Idee. Manchmal lache ich in meinem Atelier, wenn ich an einer Sache arbeite und dabei etwas wirklich Schreckliches tue. Wie hier, als ich die Glöckchen von dem Instrument löse und dabei die Musik töte.
 
Kunstjournalist: Du hast auch den Rahmen des Tamburin verändert.
Künstler: Ja, so dass es aussieht wie ein Hundehalsband oder wie ein trauriges Gesicht.
 
Kunstjournalist: Das Gegenteil eines Smiley, in Amerika das ubiquitäre Zeichen einer immer währenden guten Laune und eines unerschütterlichen Optimismus.
Künstler: Genau. Es ist das einzige Objekt, das ich nicht hier vor Ort gefertigt habe, sondern schon drei Jahre vorher. Aber als ich meine Koffer packte, nahm ich es mit, weil ich es großartig fand.
 
Kunstjournalist: Es hängt jetzt hier an der Wand des Museums und befindet sich in gerader Fluchtlinie zu einer sich aufrichtenden Bodenarbeit.
Künstler: Eine alte Wasserflasche mit rotem Silikon ausgegossen. Nun sieht sie aus wie eine Bombe oder eine Blutkonserve.
 
Kunstjournalist: Die beiden Werke erinnern mich an den Verlust der Unschuld der „Love and Peace“ Bewegung durch den Vietnamkrieg und die Manson Morde in den sechziger Jahren, die auch der Don Mc Lean Song „American Pie“ thematisiert mit der Zeile: „The day the music died“. Aber natürlich ist das eine sehr generationenspezifische Anmutung. Du würdest 1977 geboren und hast da sicherlich ganz andere Assoziationen und Referenzen?
Künstler: Um die geht es nicht. Was das Werk im Betrachter auslöst ist wichtig. Und Deine Vorstellung vom Verlust der Unschuld kommt meiner Idee von der Arbeit wirklich sehr nah.
 
Kunstjournalist: Für das folgende Werk, bestehend aus dem Fragment eines alten Autofensters und zusammengeklebten und in gallengelbe Farbe gegossenen Kugelschreibern, hast Du Dir mit dem oberen rechten Winkel einer Tür einen ungewöhnlichen Ort für seine Positionierung ausgesucht.
Künstler: Ja, eigentlich der denkbar schlechteste Ort für eine Plastik. Und dann doch wiederum fantastisch, oder? Die Fragmente lassen formal an ein Knie und an eine Hand denken. Und wenn man sich fragt, wie sie dort hingekommen sind, denkt man vielleicht an einen gewaltigen Crash. An einen Unfall, der sie atomisiert und dort hingeblasen hat. Die Vorstellung stützt ja auch das Material. Schaut man auf das Fensterteil imaginiert man automatisch das ganze Auto.
 
Im weiteren Verlauf des Interviews fragt der Kunstjournalist nach einer Bodenarbeit.
 
Künstler: (…) Das Objekt aus einem Wollmantel, der an einen leblosen Körper erinnert. Ich habe ihn gewählt, weil mich seine Textur an die Perücke eines Richters erinnert, aber auch an die Haare der Medusa.
 
Kunstjournalist: Macht und Ohnmacht, Ursache und Wirkung, Täter und Opfer in ein und demselben Werk zusammen gezogen?
Künstler: So kann man das sagen.
 
Jetzt reicht´s. Ich habe genug von dem Geschwafel. Unglaublich.
Ich lasse den Wein stehen und gehe ins Bett.
Gute Nacht!
 
 
(Das Interview wurde aus dem Kunstforum International Nr. 213, Jan./Feb. 2012 zitiert und wurde von dem Kunstjournalisten Michaes Stoeber mit dem Künstler Michael E. Smith anläßlich seiner Ausstellung im Mönchehaus Museum in  Goslar geführt.)

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