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2021-06-01

Konzeptmaler

Du bezeichnest dich seit einiger Zeit als Konzeptmaler. Wieso?
Du weißt schon, dass ich seit fast 45 Jahren (2021) Zellen male?

Na klar, aber frage für die Leser besser noch einmal nach.
Okay, dann tu ich mal so, als wenn du es nicht wüsstest.
Also: Seit fast 45 Jahren male ich diese Zellenartigen Gebilde, die wie ein Flächenornament den Malgrund überdecken oder auch mal vereinzelt auftreten. Dies ist mein eigentliches Konzept, dass sich allerdings nur schwer in Worte fassen lässt. Es ist ja ein komplexer Vorgang.

Versuchst du es einmal?
Gut, aber ganz so einfach wie bei Niele Toroni wird es nicht.

Kannst du sein Konzept aus dem Gedächtnis wiedergeben?
Sinngemäß. Es geht so: »Der Abdruck eines 5 Zentimeter breiten Pinsels wird in einem regelmäßigen Abstand von 30 Zentimetern auf die Leinwand aufgetragen.«
Das witzige ist ja, dass sein Konzepttext gleichzeitig der Titel all seiner Bilder ist.

Ja, irre nicht wahr. Und das seit weit über 50 Jahren. Und nun zu deinem Konzepttext.
Ach Mist, ich hatte gehofft, du hättest das vergessen.

Los jetzt!
Also, ich versuche es einmal. Niedergeschrieben habe ich es glaube ich noch nie.
»Biomorphe Formen, so genannte Zellen, die sich alle,« nein vergiss, dass »die sich möglichst mit geringem Abstand aneinanderschmiegen, bedecken oder überdecken eine monochrome oder abstrakte oder Ornamentale oder gegenständliche gemalte oder gedruckte« ach, viel zu kompliziert »bedecken oder überdecken eine beliebig gestaltete Fläche« nein »einem beliebigen Untergrund.«
Hast du das?

Na ja, was ist mit der Farbe der Zellen? Und der Größe?
Zweiter Versuch: »Biomorphe Formen, so genannte Zellen, in variierenden Farben und Größen, die sich möglichst mit geringem Abstand aneinanderschmiegen, bedecken oder überdecken einen beliebigen Untergrund.«

Was ist mit den Bildern, auf denen zwar Zellen sind, die aber auch einzeln oder mit größerem Abstand auf dem Bildträger liegen.
Bildträger ist besser als Untergrund. Und ja, du hast recht. Die Einzelgänger unter den Zellen sind nicht berücksichtigt. Also dritter Versuch:  »Biomorphe Formen, so genannte Zellen, in variierenden Farben, Größen und Maltechniken, die einzeln, in Gruppen oder vollflächig, überwiegend mit geringem Abstand aneinanderschmiegend, bedecken oder überdecken einen beliebigen Bildträger.«
Klingt noch ein wenig hölzern.

Ja, klingt noch ein wenig hölzern. Aber ich glaube, du bist auf dem richtigen Wege.
Ja, ich muss den Satz nur noch umstellen. Vierter Versuch. Mein Konzept ist - nein - Ich male: »Biomorphe Formen, so genannte Zellen, in variierenden Farben, Größen und Maltechniken, die einzeln, in Gruppen oder vollflächig, überwiegend mit geringem Abstand aneinanderschmiegend, einen beliebigen Bildträger be- oder überdecken.« Ja, so geht’s.

Ich denke auch. So könnte man das stehen lassen.
Das ist also dein Konzept.
Ja, prima. Endlich habe ich es mal formuliert.

Noch einmal zurück zu meiner Eingangsfrage: Du bezeichnest dich also als Konzeptmaler?
Ja, ich habe ein klar definiertes Konzept für das, was ich so täglich im Studio produziere. Eine klare Handlungsanweisung, ein Rezept oder einen eindeutigen Auftrag.

Sind in dem Konzept nicht eine wenig viele Kommata und >und<? Ich meine, es gibt viele Varianten. Ist das nicht ein sehr offenes Konzept?
Jetzt hast du mich so zu dem Konzepttext gedrängt, und jetzt bezweifelst du mein Konzept?

Nein, nicht bezweifeln, aber das Konzept von Toroni ist viel einfacher. Und das von Viallat oder Buren oder On Kawara auch.
Ich denke nur, es ist ein recht kompliziertes Konzept.
Ja, es ist komplexer. Kompliziert würde ich nicht sagen. Es lässt im Rahmen dessen, dass Zellen vorkommen müssen so einige Varianten zu. Ganz ehrlich, ich habe schon so oft darüber nachgedacht, das Programm zu reduzieren, aber immer wieder entdecke ich neue Möglichkeiten und Ausdrucksformen. Diese Bandbreite möchte ich mir eigentlich nicht nehmen.

Aber ist dann das Konzept nicht nur ein Wiedererkennungsmerkmal. Also so eine Art Logo und eigentlich gar kein Konzept?
Du versuchst schon wieder das Konzept zu zerreden.

Nein, ich will eigentlich den Konzeptgedanken verfestigen, indem ich von dir eine Antwort bekomme, die klar macht, dass das Konzept ein Konzept ist.
Das Konzept ist ein Konzept. Das lässt sich daran erkennen, dass es eine eindeutige Handlungsanweisung ist, mit der im Grunde jeder Interessierte ein ähnliches Bild malen könnte. Genauso, wie jeder nach dem Konzept von Niele Toroni einen Pinsel auf die Leinwand drücken könnte.

Ja das denke ich auch. Genau so stelle ich mir Konzeptkunst vor. Das ist es eigentlich was ich hören wollte. Ich bin mir schon darüber im Klaren, dass du ein Konzeptmaler bist. Schon lange. Aber mir fehlte bislang immer die Formulierung des Konzepts. Jetzt habe wir es also.
Ich frage mich gerade, warum ich das noch nicht früher so eindeutig formuliert habe. Immer wieder, wenn ich mich zu meiner Malerei äußern musste, habe ich mir einen Text aus dem Ärmel geschüttelt, der immer wieder anders war. Den heute gefundenen muss ich mir ausdrucken und irgendwo hinhängen. Und auswendig lernen.

Also bist du ein Konzeptmaler?
Ja, verdammt. - Aber kein Konzeptkünstler. Ich glaube, dass ist noch mal was anderes.  Ein Konzeptkünstler ist ja auch eher jemand, der Konzepte erarbeitet, die er nicht zwangsweise selbst ausführt. Ich bin da eher ein Künstler, der nach einem Konzept arbeitet. Also eher ein konzeptioneller Künstler. Weißt du, eigentlich finde ich Konzeptmaler super passend für mich. Denn ich mach ja manchmal auch andere Sachen. Objekte zum Beispiel. Oder mein zeitbasiertes Projekt »EiBrot«. Wobei, »EiBrot« ist ja auch sehr konzeptionell.

Na klar, »EiBrot« unterliegt einem klaren Konzept. Eigentlich eindeutiger als »Zellen«.
Ja, aber wir hatten und ja darauf geeinigt, dass die Komplexität nicht den Konzeptcharakter beeinflusst.

Jetzt bleiben also nur noch deine Objekte, die dich von einem Konzeptkünstler trennen?
Im Grunde ja. Ich überlege gerade, ob ich auch dafür ein Konzept habe. - Nein, eigentlich nicht, denn die Thematik Architektur, Innenarchitektur, Landschaft und Finanzen sind ja kein Konzept, sondern eben das Thema. Also Objektkunst, die sich um ein Thema dreht. Dazu sind die Objekte auch viel zu unterschiedlich. Sowohl was das Material als auch die Technik anbelangt. Das ist also nichts Besonderes. Da meine Objekte aber nur maximal 1% meiner Arbeit ausmachen, fallen die eigentlich kaum ins Gewicht. - Und »EiBrot« ist zwar für mich wichtig, fällt aber ebenso nur wenig ins Gewicht. Also nenn mich bitte Konzeptmaler, falls es dieser Zuordnung bedarf.

Also, Herr Konzeptmaler, noch eine Frage die mich in diesem Zusammenhang beschäftigt. Bei Bildern mag ich sehr, wenn sie einfach auf Leinwand gemalt sind. Also ganz klassisch Farbe auf Leinwand auf Keilrahmen gespannt. An der Leinwand schätze ich vor allem ihre Neutralität, die zum einen in der gleichmäßigen Materialstruktur, zum anderen in der Konventionalität ihrer Nutzung liegt. Du malst nur selten auf Leinwand. Warum?
Oh, darauf war ich nicht vorbereitet. Aber es fällt mir nicht schwer darauf zu antworten. Ich mag die Leinwand auch sehr. Und zwar genau wegen der Attribute, die du gerade genannt hast. Neutralität und Konventionalität. Einen klassischeren Malgrund gibt es wohl kaum. Aber die Leinwand ist für mich auch nur ein Malgrund unter vielen. Und du weißt, wie gerne ich auch auf gewebtem Stoff male. Weil der ja schon so schöne Motive, Muster und Ornamente eingewebt hat, die ich nicht mehr extra malen muss. Und da es so viele interessante Malgründe gibt, zu denen ja auch Fotos, bedruckte Papiere und so weiter gehören, kommt halt die klassische Leinwand nur selten an die Reihe. So ist das. Nichts anderes steckt dahinter.

Ach so. Ja, das klingt logisch. Worauf malst du gerade?
Auf zwei alten Verkehrsschildern. Aber die eigentlichen Hinweise sieht man nicht mehr. Es waren diese blauen Schilder mit weißen Richtungspfeilen. Einmal »Geradeaus« und einmal »Rechts und Links«. Außerdem auf einer alten, zerknitterten und beklecksten Leinwand ohne Keilrahmen, die ich hinter einen zellenförmigen, ausgesäten und schwarz lackierten Holzrahmen spanne.

Gut, genug für heute. Vielen Dank. Gehen wir noch ein Bier trinken?
Gehen nicht, aber ich hole ein Bier und wir setzten uns in den Garten?

Oh ja, gute Idee. - Chips?
Na klar. Hab´ ich. Salz oder Paprika?

Paprika! Der Klassiker.

(Hans Ernst im Gespräch mit Manfred Heinze, Osnabrück, Mai 2021)

Admin - 13:21:13 @ Allgemein